Bach mit Bommeln

Jedes Jahr Anfang Dezember treffen sich die Thüringer Schriftsteller zu einer Weihnachtsfeier. Wer sonst einsam vor dem Computer hockt, braucht ab und an Geselligkeit und die Gewissheit, dass andere auch verrückt sind. Außerdem lesen die Autoren am Ort ihres Treffens kostenlos vor, diesmal im Rahmen des Bach-Advents in Arnstadt. Bach in Arnstadt? Jawohl, da hatte der große Musiker, als er noch ein kleiner Musiker war, seine erste Anstellung, und die Arnstädter lieben ihn.
Ich war diesmal Teil der Vorlesemannschaft und landete im Jugendwohnprojekt des Marienstiftes. Das war … nicht leicht. Sie hätten Kinder beziehungsweise Jugendliche zwischen 10 und 16, ließ man mich wissen. Im Buchhandel sind das drei verschiedene Zielgruppen. Aber ich fand nach panischem Suchen drei Storys, die mir halbwegs geeignet erschienen. Acht junge Leute trudelten ein. Sie hätten, warnte mich die Betreuerin, viele verhaltensauffällige Kinder. Aber tatsächlich waren sie sagenhaft brav. Zu brav. Sie hockten auf zwei Sofas, hörten aufmerksam zu und sagten keinen Ton. Zwei größere Mädchen zeigten ein halbherziges Lächeln, der Rest wirkte eher ein bisschen verstört. Dabei hatte ich extra lustige Texte ausgesucht.
Im Hinausgehen hörte ich noch die Debatte, ob Nadine drei Euro Taschengeld für den Weihnachtsmarkt haben dürfte. Nein, sagte die Betreuerin, Nadine hätte schon zum dritten Mal ihre Brille verloren und müsste die erst einmal abzahlen. Basti, offenbar Lehrling irgendwo in der Landwirtschaft, schwärmte von seinem Traktor, während man mit einiger Mühe den größten Teil der Bande im Transporter verstaute, um ins Hallenbad zu fahren. Die meisten da haben eigentlich Eltern, kommen aber, wie man so schön vorsichtig sagt, aus schwierigen Verhältnissen. Das Wohnprojekt fängt sie auf, sorgt dafür, dass sie ein bisschen weniger die Verlierer dieser Gesellschaft sind.
Ich verabschiedete mich und fragte mich, was sie wohl von meiner Lesung gehalten hatten. Vielleicht hätte ich Kekse mitbringen sollen …
In der Altstadt entfaltete sich derweil der Bachadvent, eine Veranstaltung, bei der die ganze Stadt auf den Füßen scheint, weil überall etwas los ist: Konzerte, Lesungen, Vorträge … Das meiste kostenlos. Auf dem Markt fand sich die bestrickend anarchische Volkskunst. Nicht nur die Poller hatten dicke, geringelte Socken bekommen, auch die Tasten des Bachschen Orgelmanuals steckten in knuffeligen Handschuhen. Und rings um den Komponisten hingen hunderte Bommeln. Bach soll es ein bisschen gemütlich haben, jetzt, wo es kalt wird. Um ihn herum standen die seltsamsten Stühle, ein Street-Art-Projekt, gestaltet von Bürgern. Völlig verrückt, vermutlich keine Kunst, weil kein großer Name dran stand, aber die Leute hatten ihren Spaß damit. Es ist auf eine rührende Art liebevoll und macht den Großstadtmenschen ein wenig neidisch. Undenkbar in Jena, wo alles durchorganisiert und eher unrührend ist.


Später hockten wir zusammen. Das Essen würde bezahlt, verkündete Antje Babendererde, aber wer den billigen Salatteller nehme, bekomme die Differenz zum teuersten Gericht, der Entenbrust, nicht ausgezahlt. Geld ist knapp unter den Freiberuflern, und man spottet darüber. Statt um die große Kultur drehte sich erstaunlich viel um triviale Fernsehformate wie „Frauentausch“, „Bauer sucht Frau“ oder „Endlich schön“, die dieser und jener verfolgt, weil sie so abartig sind. Ich konnte nicht mitreden, außer beim Tatort. Dass der Tisch in der „Goldenen Henne“ auf den Namen Eugenie Marlitt bestellt war – eine weitere Arnstädter Berühmtheit – trug zur Tratschlastigkeit der Veranstaltung bei.
Spät am Abend machte ich mich auf den Rückweg in die wirkliche Welt, in der mein Postfach mit Mails zum Eichplatz überquoll. Vielleicht sollten wir ein paar Bommeln aufhängen.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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3 Antworten zu Bach mit Bommeln

  1. Tobias Schäfer schreibt:

    Ich bin dabei! An welchen der Weihnachtsmarktstände soll ich sie hängen? Wo wird der Jenaer Weihnachtsmarkt eigentlich dann stattfinden, wenn der Eichplatz weg ist? In Erfurt?

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Der Aktionismus der Bevölkerung überrascht mich immer wieder. Am besten wären natürlich die Eichplatzbäume. Das mit dem Rummel in Jena ist ungeklärt. Es gibt ein paar Ausweichmöglichkeiten, aber die sind so ab vom Schuss, dass die Schausteller keinen Bock drauf haben. Der Hinweis mit Erfurt könnte ziehen. Die meisten Jenenser haben eine Erfurt-Allergie.

      • gmr schreibt:

        .. zumal sich die Erfurter totlachen werden, wenn der Eichplatz bebaut wird. Schließlich gab es auch für den Domplatz nach 1990 ähnliche Pläne, die verhindert wurden.

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