Sprache als Waffe: Wutbürger

Jeder einigermaßen klar denkende Mensch sollte erkennen, dass das Wort „Wutbürger“ eine Diffamierungsvokabel ist. Sie setzt Menschen herab, die ein berechtigtes Interesse wahrnehmen. Wut ist im Gegensatz zu „Interessendurchsetzung“ emotional besetzt – man denkt unwillkürlich an schreiende, mit den Fäusten trommelnde Kinder.

Demo Eichplatz

Wut? Schreikrämpfe? Wild um sich schlagen? Jenaer Wutbürger in Aktion.
Foto: Arne Petrich

Die verbale Attacke hat einen guten Grund: Klassenkampf. Denn dass es sich bei der Privatisierung öffentlichen Raumes um genau das handelt, hat zumindest die Seite der Privatisierer erkannt. Wer das Recht auf öffentliche Parks fordert, der steht Verwertungsinteressen im Wege. Ein Einkaufszentrum wirft nicht unerheblich Geld ab, Bäume kosten. Die Idee, dass es kostenlos nutzbare Güter geben sollte, die allen gleichermaßen zur Verfügung stehen, dem Bettler wie dem Millionär, ist eine vulgärkommunistische.
Seit Jahren gibt es eine eindeutige Tendenz: Was sich rechnet, wird privatisiert. Was nur Kosten generiert, bleibt in staatlicher oder kommunaler Hand. Stadtwerke, Wohnungen, Grundstücke in Innenstadtlage, Wälder – alles das weckt Begehrlichkeiten, insbesondere in
Zeiten der Krise, in denen das Geld keine sichere Anlage mehr finden kann. Es geht darum, alles in Profitmaschinen zu verwandeln. Da und dort erkennen Menschen, dass sie über den Tisch gezogen werden – naheliegenderweise da, wo sie selbst direkt betroffen sind. Sie setzen sich zur Wehr: mit Volksbegehren, Petitionen, Demonstrationen. Sie behindern den Prozess der Geldvermehrung, und Hindernisse müssen aus dem Weg geräumt werden.
In vielen Fällen reicht Aussitzen. Bürgerinitiativen, die nach Feierabend organisiert werden, geht irgendwann die Puste aus. Sie ermüden. Man signalisiert Entgegenkommen und lässt den Protest ins Leere laufen, indem man ihn vorgeblich zur Kenntnis nimmt. Man bindet ein und simuliert Bürgerbeteiligung. Wenn das nicht hilft, muss man die Unentwegten ernsthaft angreifen.
Zum verbalen Jiu-Jitsu gehört nicht nur die Verächtlichmachung des jeweiligen Gegners als Chaoten, wahlweise als linke oder grüne Spinner oder Fortschrittsfeinde. Beliebt sind auch die Hinweise, man habe vor Jahren verabsäumt, gegen etwas anderes zu protestieren, protestiere nicht auch gegen eine völlig andere Sauerei oder lebe nicht von Brot und Wasser. Engagiert sich ein Kinderloser für Kindergärten, bekommt er zu hören, das ginge ihn doch gar nichts an. Tut es ein Kinderreicher, wirft man ihm Egoismus vor. Protestiert jemand gegen die Fällung von zehn Bäumen in seiner Stadt, erklärt man ihm, er sollte sich doch lieber der Abholzung des Regenwaldes widmen. Die Botschaft: Wer nicht alles richtig macht, selbst nicht hundertprozentig moralisch, ökologisch und menschenfreundlich agiert, wer sich des kleinsten Egoismus schuldig macht, der hat sein Recht auf Protest, sein Recht auf demokratische Mitbestimmung verwirkt. Es ist völlig egal, was man den Protestlern vorwirft. Hauptsache, es verunsichert sie und hält andere davon ab, sich an ihre Seite zu stellen.
Der Wutbürger ist eine Gefahr für den Status quo. Im Gegensatz zu geschätzten 95 Prozent der Bevölkerung weiß er, wie man den Hintern vom Sofa hebt. Er schreibt Flugblätter, Plakate und Gesetzentwürfe. Er trägt Informationen zusammen, analysiert Zusammenhänge, organisiert Bündnisse. Er stellt sich auf die Straße. Kurzum: Er ist politisch aktiv. Vielleicht tut er das aus den falschen Gründen und stellt selten die Systemfrage, aber er tut etwas. Wenn sich in diesem Land überhaupt etwas bewegt, dann seinetwegen.

„Never doubt that a small group of thoughtful, committed citizens can change the world. Indeed, it is the only thing that ever has.“
Margaret Mead

Nicht verunsichern lassen. 2014 weitermachen.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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5 Antworten zu Sprache als Waffe: Wutbürger

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Ist Dir übrigens aufgefallen, dass Du hier einen neuen Avatar hast? Hab ich letztens beim Stöbern in WordPress gefunden. Sie sind eindeutig origineller als die merkwürdigen Mandalas, auch wenn Deiner ein wenig betreten dreinschaut …

  1. Max Headroom schreibt:

    Vielleicht sehen wir ja die Herkunft des Wortes falsch. Möglicherweise bezeichnet „Wut-Bürger“ ja einen Bürger, der durch die Wahrnehmung seiner Rechte bei den oberen Instanzen Wut auslöst, weil die merken, daß sie mit ihm Ärger haben und sich beim Verarschen zumindest mehr Mühe geben müssen. Er ist damit sowas wie der Sand im Getriebe eines ansonsten funktionierenden Staates. Wird Zeit, daß hier ein paar Zahnräder krachen …
    „Keine Regierung und keine Bataillone vermögen Recht und Freiheit zu schützen,
    wo der Bürger selbst nicht imstande ist, selber vor die Haustür zu treten
    und nachzusehen, was es gibt!“
    Gottfried Keller 1819-1890

  2. monologe schreibt:

    MonoLoge wünscht ein gutes neues Jahr!

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