Utopische Bratwürst: Bernd Flessners Franconia

Bratwurst scheint zu einem der bestimmenden Themen dieses Blogs zu werden, aber diesmal bin ich unschuldig daran, und es handelt sich auch nicht um Thüringer.
Bernd Flessner kenne ich von einem futurologischen Workshop der EU. Er ist einer von diesen scheinbar netten, lieben Menschen mit einer gemeingefährlichen Phantasie – für einen SF-Autor also genau richtig. Wir hatten viel Spaß.
Wie man darauf verfallen kann, Anthologien mit Science Fiction aus Franken zu veröffentlichen, weiß ich nicht. Bernd ist verfallen und hat eine Reihe von Autorenkollegen für das Projekt begeistern können. Der bekannteste dürfte Paul Maar sein, der Vater des Sams. Der erste Band „Reisen zum Planeten Franconia“ ist leider vergriffen, aber im Internet noch aufzutreiben. Es lohnt sich.
Ein bisschen angefressen war ich nach der Lektüre. Seit Jahren drohe ich meinem Lektorenkollegen Armin Rößler an, ich würde eine SF-Mundartstory verfassen, kann mich aber nie dazu aufraffen. Franconia strotzt von Mundart und Bratwürsten, und der Planet liegt irgendwo zwischen Nürnberg, Erlangen und Bamberg. In die große weite Welt zieht es die Franken anscheinend nicht so. Ich mag das. Ich mag SF, die einen regionalen Geschmack hat. Viele andere siedeln ihre Storys in den USA an und haben lesbar keine Ahnung, wie eine amerikanische Stadt aussieht. Das nervt.
Die Franken sind bis auf Elmar Tannert, Tobias Bachmann und Bernd Flessner selbst keine SF-Autoren. Sie lassen sich auf das Abenteuer ein. Das merkt man an der Themenwahl, die für den Fan mit der 1000-Bände-Bibliothek mitunter ein wenig altmodisch ist. Mehr noch merkt man es aber an der originellen Schreibweise. Wie Harald Weigand eine fehlgeleitete Atomrakete auf eine fränkische Kleinstadt niedergehen lässt, das ist großes Kino. Man kann zuweilen die Bartwickelmaschine im Keller vernehmlich quietschen hören, aber wie sie quietscht, das ist allerliebst. Da gibt es Worte wie „Gwerch“, die mir Tränen des Glücks in die Augen treiben. Für Nicht-Franken: Es heißt „Gewürge“ und meint „Gedränge“.
Bernd Flessner schreibt eigentlich keine richtige Geschichte, sondern einen geschichtlichen Kurzabriss. Sein Bratwurstkrieg in Nürnberg eskaliert, bis das Brät nur noch eine geschmacklose Nebensache in den High-Tech-Würsten ist.
In Tragelhöchstedt in einem Sümpfla landen Außerirdische, die eigentlich Innerirdische und Frankenkinder sind und auf der Suche nach Mundartdichtung (Helmut Haberkamm). Bamberg dagegen ist zur Gänze Museum geworden, und ein Blick auf den Dom kostet extra. Dafür gibt es städtisch bestallte Bratwurstesser als Lokalkolorit (Rainer Lewandowski). Einmal ist aus Franken auch ein Archipel geworden (Werner Nürnberger).
Fast alle Storys sind selbstironisch und lokalpatriotisch zugleich, fast immer werden Würste verspeist. 218 Seiten Lesevergnügen, garniert mit recht witzigen Illustrationen von Peter Pabst. Senf nicht vergessen!

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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5 Antworten zu Utopische Bratwürst: Bernd Flessners Franconia

  1. lawgunsandfreedom schreibt:

    Mist, verdammter. Da sitze ich quasi an der Quelle – bzw. am Ort des Geschehens und mir ist diese Perle glatt entgangen. Schau‘ mer mal, obbs no was gibbd in der Nembercher Thalia. Die ham nämli a eign’s Regal für „Frankonia“.

  2. lawgunsandfreedom schreibt:

    Och – ich hab‘ auch ohne Alzheimer so ein paar Lieblingsbücher, die ich immer wieder lesen kann. Kurzer Blick in die Regale, die bei mir statt Bildern die Wände zieren … ein gut tausend bis tausendfünfhundert Bücher werden’s schon sein. Der größte Teil aus dem Bereich SF & F. Serien wie Perry Rhodan, ZBV, Raumpatrouille und etliche SF-Bildbände aus den 70ern und 80ern mal rausgerechnet.

    Was den „Gastfranken“ angeht – Thüringen und Franken teilen sich einen ordentlichen Batzen Geschichte. Das passt schon 😉

    Mal sehen, ob ich die Bücher irgendwo kriege. Bin ja eigentlich eher US/UK-zentriert, was meinen SF-Geschmack angeht. Heinlein, Moorcock, E.E. Smith, J.C. Cherry, Zimmer-Bradley, McCaffrey, Bob Asprin, James White, Alan Dean Foster … aber gelegentlich fällt mir auch ein Schmankerl aus einer Ecke entgegen, aus der ich so etwas gar nicht erwarte. Bin gespannt …

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