Disney hat auch nur bezahlt

TV_Spielfilm_cutMein Verhältnis zum Fernsehen lässt sich am besten mit „friedliche Koexistenz“ beschreiben. Ich koexistiere auch mit der „TV Spielfilm“. In den rund 18 Jahren, die ich das Blatt mehr oder weniger ignoriere, war ein einziges Mal keine weitgehend unbekannte, dafür aber  junge und weitgehend freizügig gekleidete Frau auf dem Titelblatt. Damals hatte Götz George einen runden Geburtstag. Ein Mann auf etwa 450 Titelseiten. Interessant, wer es so alles nicht geschafft hat. Senta Berger etwa hatte garantiert auch schon den einen oder anderen runden Geburtstag, aber so weit sind wir noch nicht, dass wir alte Frauen auf Programmzeitschriften drucken, und wenn sie dreimal eine Institution im deutschen Fernsehen sind. Immerhin ist sie in guter Gesellschaft: Auch Johnny Depp und George Clooney konnten nicht in die Phalanx genormter Jugendlichkeit eindringen. Dass sie zu den bestbezahlten Stars in Hollywood gehören, hilft ihnen da gar nicht. Tröstet aber sicher.
Deshalb schaute ich entsprechend verblüfft drein, als mich eine dicke, plüschige Ratte von der Titelseite angrinste. „Ratatouille“ hatte es geschafft! Einsicht? Ein neuer Redakteur? Der Anbruch einer neuen Zeit? Nein, der Start des Disney-Channels. Nun ist Disney auch nicht gerade ein Vorkämpfer gegen Geschlechterstereotype, aber ich fühlte Dankbarkeit, dass man mich zum zweiten Mal in 18 Jahren verschont hatte von dieser grünen Langeweile in immer gleicher Pose. Nie ist eine schmutzig oder wütend oder unglücklich. Nie hat eine einen Pickel oder Sommersprossen. Nein, zur Perfektion fehlt ihnen lediglich das Leben. Sie kommen – jede Wette! – aus einer chinesischen Spritzgussmaschine. Irgendeine Marketingpfeife hat ermittelt, dass genau das die meisten Leute zum Kauf animiert – und so finden sich die gleichen Klone auf allen Programmzeitungen dieser Welt. Die Ratte war ein Lichtstrahl in tiefster Finsternis.
Ein paar Tage später trat die Ernüchterung ein. Niemand hatte mich verschont. Was ich für das Titelbild gehalten hatte, ist nur die ganzseitige, titelbildartige Anzeige auf der Rückseite der Zeitschrift, und vorn befindet sich nach wie vor die obligatorisch freizügig gekleidete Dame. Sie heißt Maiara Walsh, und ich habe noch nie von ihr gehört. Sie sieht aus wie ihre 450 Vorgängeringen. Aber immerhin kann man das Heft rumdrehen und so tun, als gäbe es noch Hoffnung.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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2 Antworten zu Disney hat auch nur bezahlt

  1. Carina Deh schreibt:

    So, jetzt musste ich mir den Artikel ein zweites Mal durchlesen und du sprichst mir aus der Seele! Kürzlich hätte ich schier jubiliert, als ich einen Mann auf dem Titel sah (und ich glaube sogar noch in Kombination mit einem Kind!). Aber nix da, das war nur das Pseudo-Cover und darunter war die obligatorische Blondine im roten Kleid. Es scheint ja schon außergewöhnlich zu sein brünette Damen abzulichten. Zumindest sind diese stark in der Unterzahl. Und das ist für meinen Geschmack ja dann wohl fast schon doppelt sexistisch. Bleib weiter kritisch!

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Das mit den Dunkelhaarigen war mir noch gar nicht aufgefallen, aber vielleicht mache ich mal eine Strichliste. Wer trifft nur derartige Entscheidungen? Und warum???

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