Ode an eine heiße Wurst

Burns in Dunedin (Foto James Dignan für Wikipedia)

Könnt ihr euch vorstellen, an einer deutschen Fleischertür hinge ein Gedicht von Goethe? Ich mir auch nicht. Bis auf das nervige „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut …“ in allen Poosie-Alben widersetzt sich das literarische Heiligtum der Deutschen einer praktischen Nutzung.
In Schottland ist das anders. Der schottische Nationalpoet hat noch dazu in Mundart geschrieben, in Scots, der grausamen Rache der Schotten an der zwangsweise verordneten englischen Sprache. Ausländer, lass alle Hoffnung fahren, begegnet dir ein Exemplar, das genau das und nichts anderes spricht. Der poetische Schotte, dessen „Address to a Haggis“ ich im beschaulichen Beauly an der Tür des Fleischerladens fand, war Robert Burns.
Der Haggis ist ein gefüllter Schafsmagen, in dem sich Gerstengrütze mit gehackten Innereien mischt. Klingt grausam, schmeckt mit Kartoffel- und Steckrüberbrei aber gar nicht mal so schlecht. Robert Burns meint, es sei das einzig angemessene Essen für einen richtigen Mann. Das schottische Breitschwert erforderte einiges an Muskeln …
Aber nicht nur das. Burns hat auch das Bier besungen – in der schaurigen Moritat „John Barleycorn„. Eigentlich hat der Bauernsohn so ziemlich jeden Aspekt des schottischen Alltagslebens bedichtet, sehr ausführlich natürlich die schottischen Mädchen, außerdem schottische Schurken, die gute Luft und das miserable Wetter. Bei Burns hört sich selbst das gut an. Einen ähnlichen Gebrauchswert hat im Deutschen wohl nur Friedrich Schiller, dessen Stücke beliebte Zitate-Steinbrüche sind.
Burns wird geliebt. Selbst im fernen neuseeländischen Dunedin (was das gälische Wort für Edinburgh ist) gibt es natürlich ein Robert-Burns-Denkmal und eine Robert Burns Society. Die Arran Distillery hat sogar einen Whisky namens Robert Burns im Angebot, eine komplexe, poetische Angelegenheit. Heute finden rund um die Welt Robert-Burns-Dinner statt, denn der schottische Held feiert seinen 255. Geburtstag. Ja, zugegeben, nicht er, sondern seine Fans feiern den Geburtstag, obwohl er natürlich irgendwie unsterblich ist. Die Fete beginnt traditionell mit der Ode an den Haggis – und natürlich einem echten, heißen Haggis.
We’ll take a cup o’kindness yet for auld lang syne … Auf Rob, er möge leben, auch wenn er seit 218 Jahren tot ist.
Und auf alle anderen, die heute Geburtstag haben 😉

PS: Bei der Schreibweise „Poosie“ handelt es sich mitnichten um einen Tippfehler. Es ist die korrekte sächsische Schreibweise, falls der Sachse sich konzentriert und das mit dem Babbelbaum-B richtig hinkriegt.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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2 Antworten zu Ode an eine heiße Wurst

  1. Karsten Kruschel schreibt:

    Und ich hab mich immer gewundert über den seltsamen Titel des Traffic-Albums „John Barleycorn Must Die“. Das hier erklärt einiges…

    http://de.wikipedia.org/wiki/John_Barleycorn_Must_Die

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