Kuriose Welt: Fachkräftemangel

The definition of a consultant: someone who borrows your watch, tells you the time and then charges you for the privilege.
aus einen Leserbrief an die Times, zitiert nach „Sod calm and get angry“
(gutes Buch übrigens, hab ich in Lochgilphead gekauft)

Ein Gespenst geht um in Deutschland, das Gespenst des Fachkräftemangels. Noch immer gibt es Leute, die jenseits der Leiharbeit keine Chance auf eine reguläre Stelle haben, weil sie zu jung oder auch zu alt sind, aber es sind längst nicht mehr genug. Die Zeiten, in denen sich auf jede Ausschreibung fünfhundert Bewerber meldeten, sind vorbei. Inzwischen muss man sogar junge Frauen einstellen. Warum? Weil man vor zwanzig Jahren keine jungen Frauen mit Kindern einstellen wollte und sie sich das mit den Kindern deshalb dreimal überlegt haben … Populationsökologen könnten sauber vorrechnen, wie so etwas funktioniert.
Der Bundesverband mittelständische Wirtschaft (habt ihr schon mal was von Genitiv gehört, ihr Pfeifen?) hat das Beratungsunternehmen Ernst&Young beauftragt, den Schaden des Fachkräftemangels zu ermitteln. Erschröckliches förderten die zutage: 31 Milliarden Euro haben Mittelständler im letzten Jahr eingebüßt, weil es ihnen an qualifiziertem Personal fehle.
Das stelle ich mir ungefähr so vor: Ich brauche für einen Versuchsaufbau irgendein hochgenaues Frästeil, Kosten um die 2000 €. Das Zeug ist teuer. Weil es wie immer schnell gehen muss, fragt der Einkauf gleich vier mögliche Lieferanten an. Drei lehnen ab, weil sie gerade ausgebucht sind, der vierte fräst das Ding. Das macht insgesamt 6000 € entgangenen Umsatz! Denn drei hätten ja gekonnt, wenn sie nur gekonnt hätten. Allerdings habe ich so oder so nur ein Teil gebraucht.
Drei Viertel der Mittelständler klagen, sie hätten bei der Suche nach neuen Mitarbeitern große Probleme. (Als nächstes kommen sie wieder mit den nicht ausbildungsreifen Schulabgängern, nutzen aber jedes Steuerschlupfloch, damit der Staat auch ganz bestimmt nicht mehr Geld für seine Schulen hat). In Thüringen sind gerade noch 25 % der Arbeitgeber tarifgebunden – alle möglichen öffentlichen Einrichtungen und ein paar Großbetriebe. Ein gewisser Marx hat mal herausgefunden, dass im Kapitalismus Angebot und Nachfrage den Preis regeln …
Und an dieser Stelle kommt die wirklich verblüffende Schlussfolgerung: Ober-Mittelstands-Lobbyist Mario Ohoven verkündet, Mindestlohn und Rentenverbesserungen würden das Problem noch verschärfen – und fordert „flexible Lösungen“. Im Klartext: Der Mittelstand findet keine Deppen mehr, die für einen Appel und ein Ei arbeiten wollen, und deshalb will er auch künftig das Recht, Leute nur mit einem Holzapfel und einem Zwerghuhnei zu bezahlen. Meinegütedasglaubicheinfachnicht.
Wem 8.50 € zu teuer ist, der muss halt auf 31 Mrd. € verzichten.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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2 Antworten zu Kuriose Welt: Fachkräftemangel

  1. Ellen Löchner schreibt:

    Gut gebrüllt, Aurora! Mein Herzallerliebster sucht gerade einen Job, wir könnten LIeder singen, Opern geradezu, über Fähigkeiten, deren Zertifizierung und Bezahlung.

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