Dresden im Februar

File:Fotothek df ps 0000072 Ruine der Mohrenapotheke.jpg

Richard Peter sen., Ruine der Mohrenapotheke in Dresden

Eine der ältesten Kindheitserinnerungen, die ich einordnen kann, ist Dresden. Es war eine Klassenfahrt meiner älteren Schwester, und irgendwie war ich dabei, obwohl selbst noch zu klein für die Schule. Fünf vielleicht. In der Stadt standen einzelne Hauswände, auf der Innenseite kariert von farbigem Anstrich, fehlende Zimmer und Stockwerke markierend. Zwischen den Wänden wuchsen junge Bäume. Auf meine Frage erfuhr ich, es seien Ruinen. Keine Erklärung. Meine Vorfahren sprachen nicht gern über den Krieg, und ich war ihnen wohl noch zu klein für dieses Thema.
Fünfzehn Jahre später geriet ich durch Zufall in Berlin in eine Fotoausstellung: Richard Peter sen., Bilder aus dem zerbombten Dresden. Am meisten beeindruckte mich die bruchstückhafte Fassade der Mohrenapotheke inmitten der Trümmerhaufen. Es war eine sehr liebevolle Fassade, verspielt, verschnörkelt, der offensichtliche Stolz des Apothekers. Aber dahinter war nichts mehr. Eine Apotheke, ein Ort, an dem normalerweise kranken Menschen geholfen wurde – zerstört. Und dann Mohrenapotheke! Nach zwölf Jahren Rassenhygiene hieß sie immer noch Mohrenapotheke.
Das Bild war nicht schrecklicher als die anderen, im Gegenteil. Verbrannte Gesichter sind auch kein schöner Anblick. Aber in diesem einen Bild konzentrierte sich für mich die ganze Unsinnigkeit des Krieges, die ganze Unmenschlichkeit, der ganze elende Dreck. Ich habe diese Fotos nie aus dem Gehirn bekommen. Nie wusste ich, was mich mehr verstörte: die irrwitzige Zerstörung oder die Besessenheit des Fotografen, der durch die Stadt ging und den Untergang der Zivilisation fotografierte. Richard Peter ist ein Held für mich. Als alle nur noch ans Überleben dachten, hielt er den Schrecken fest für die Nachwelt, Leute wie mich.
Natürlich weiß ich, dass die Deutschen diesen Krieg angefangen hatten und wohl etliche der verbrannten Dresdener auf die Frage „Wollt ihr den totalen Krieg?“ ein hysterisches „JA!“ gebrüllt hatten. Darum geht es nicht. Der totale Krieg kam mit aller Grausamkeit heim ins
Reich. Aber für mich, zwanzig Jahre danach in aller Unschuld und in tiefstem Frieden geboren, war Dresden das Gesicht des Krieges. Wenn ich „Krieg“ höre, habe ich Dresden vor Augen, Dresden 1945.
Jetzt versucht wieder alles mögliche Gesindel, aus Dresdens Schicksal Gewinn zu ziehen. Gleichzeitig wirft uns unser Staatsoberhaupt Feigheit und Faulheit vor, weil wir keine Lust auf Krieg haben. Dabei ist es das Beste, was man über meine Generation von Friedenskindern sagen kann: dass sie den Krieg zum Kotzen findet. Danke, Richard.

Dank Wikicommons habe ich 30 Jahre danach das Foto wiedergefunden.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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