Hauptsache, wir haben ein Leitbild

Jena hat einen Lokale-Agenda-21-Beirat und ein Energiepolitisches Leitbild. Vor kurzem wurde der Monitoringbericht dazu vorgestellt, der mehr oder weniger ergab, dass man an allen Zielvorgaben meilenweit vorbeiverbraucht hat. Die Stadt wächst, die Industrie brummt, und die Leute besitzen noch immer Autos … Das hindert die Zuständigen nicht, ohne ein genaues Überdenken dieses Ergebnisses einfach ein neues Leitbild aufzustellen. Wozu das gut ist, konnte bei dessen Vorstellung nicht abschließend geklärt werden. Dass Energiesparen irgendwie richtig ist, war allgemeiner Konsens, aber der Rest verlor sich im Nebel.
Für mich stellte sich das ungefähr so dar: Wir haben eine schlechte Datenbasis, auf der aufbauend wir eine grob geschossene Zielvorgabe machen, von der wir weder wissen, ob sie einen Sinn hat, noch wie wir sie umsetzen wollen. Aber schön, dass wir darüber geredet haben.
Es gab ein paar Wortmeldungen, denen die Ziele nicht ambitioniert genug waren – unbeeindruckt vom Misserfolg der letzten. Wenn wir fünf Prozent nicht erreichen, können wir auch 20 fordern? Es ist schön festzustellen, dass jedem Menschen weltweit 2 kW zustehen, Deutschland aber das Achtfache verbraucht. Wenn ich dann als Maßnahme höre, man sollte Schulessen lokal kochen, statt Tiefgefrorenes aufzuwärmen, zweifle ich an meinen Ohren. Denn schon die Jenaer Statistik zeigt, dass Energie größtenteils nicht vom egoistischen Bürger oder Schulküchen, sondern von der Industrie verbraucht wird. Das Glaswerk von Schott frisst etwa ein Viertel des Jenaer Stroms ganz allein … Mit meiner Bemerkung, dann müssten wir aufhören, Exportweltmeister sein zu wollen, und brauchten ein neues Wirtschaftssystem, traf ich weitgehend auf Unverständnis. Dann lieber keine Standgebühren mehr für lokale Marktstände (die ohnehin alle aus der unmittelbaren Umgebung kommen, wenn man von einem gelegentlich auftauchenden Ungarn absieht.). Auf die Entscheidungen der Industrie hat die Stadt nämlich keinen Einfluss – was sie nicht davon abhält, auf den einzelnen Bürger Einfluss haben zu wollen.
Den motorisierten Individualverkehr hält man zwar für die Wurzel allen Übels, weiß aber eigentlich herzlich wenig darüber. Man nimmt nur an, dass die letzte Berechnung falsch war, weil der Jenaer danach nicht annähernd so weit fährt wie der Thüringer an sich. Der Durchschnittsthüringer pendelte vor ein paar Jahren 38 km zur Arbeit. Der Jenaer arbeitet größtenteils in der Stadt. Vielleicht fährt er wirklich wenig? Aber die Studienersteller haben sich etwas Geniales ausgedacht: Wer ein Auto hat, dem unterstellt man einfach eine mittlere Fahrleistung, und schon geht der CO2-Ausstoß in die ideologisch erwünschte Höhe. Die Einpendler (15000), die eindrucksvoll bei Zeiss auf den üppigen Parkplätzen stehen, werden allerdings nicht erfasst. Sonst müsste man über den Nahverkehr ins Umland nachdenken.
Der Nahverkehr in der Stadt erfreut sich seit Jahren sinkender Beliebtheit, scheint aber nicht durch das Auto, sondern durch Radfahrer bedroht. Vielleicht liegt das daran, dass er so wahnsinnig gut ausfinanziert ist, also verdammt teure Fahrpreise hat. So genau will das niemand wissen.
Auf jede kritische Nachfrage – warum man etwa eine lineare Regression ansetzt, obwohl sich ein Bestimmtheitsgrad unter einem (!) Prozent ergibt, also eine eindeutig nicht lineare Beziehung – bekam man letztlich die Antwort, die Datenbasis sei zu schlecht, um wirklich seriöse Ergebnisse zu erhalten. Aber damit planen wir fröhlich weiter. Was bleibt, ist Leserei im Satz des fair gehandelten, ökologisch angebauten Kaffees. Und ein wunderschönes Leitbild, von dem wir heute schon wissen, dass wir es nicht erfüllen werden, weil wir nicht wissen, wie wir es erfüllen sollten, weil wir nicht wissen wollten, warum es schon bisher nicht funktioniert hat.
Warum nur habe ich dafür drei Stunden meines Lebens geopfert? Ich war mit dem Fahrrad zum Rathaus gefahren. Aber rein statistisch gesehen war ich mit dem Auto da, das ich frevelhafterweise besitze.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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Eine Antwort zu Hauptsache, wir haben ein Leitbild

  1. totschka schreibt:

    „Dann lieber keine Standgebühren mehr für lokale Marktstände (die ohnehin alle aus der unmittelbaren Umgebung kommen, wenn man von einem gelegentlich auftauchenden Ungarn absieht.).“
    Vermutlich ist es der gleiche Ungar, der in unregelmäßigen Abständen sein Waren im Globus in Hermsdorf feil bietet. Der ist aus Gera, also ebenfalls „unmittelbare“ Umgebung, bis zweifelsfrei feststeht, woher seine Produkte stammen. 😉
    Ansonsten kann ich das Nahverkehrsgeschehen insofern beurteilen, dass ich daran unmittelbar teilhabe. Ich bin Einpendler und bewege die Droschke tagsüber durch die Stadt. Eindrucksvoll war das Verkehrsgeschehen an dem Tag, als der städtische Nahverkehr stundenweise die Arbeit verweigerte. Die Einpendler hats nicht betroffen, trotzdem stieg die Verkehrsdichte auf den Straßen überproportional an. Ich schließe daraus, dass es sehr viele Jenenser geben muss, die frevelhafter Weise ein Auto besitzen und trotzdem den ÖPNV nutzen.
    Dieser Artikel passt jedoch wie das sprichwörtliche geballte Ende der oberen Extremität aufs Sehorgan, denn in meiner Droschke sitze ich direkt neben Volkes Stimme, die voll des Unverständnisses ob verschiedenster Entscheidungen der Stadtoberen ist.

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