Draußen vor der Tür

FrostEs ist eisig. Irgendwann ist die Kälte durch die Barriere der Doppelsocken gedrungen, auch zwischen Sweatshirt und T-Shirt und überhaupt überall hin. Ich zittere. Eigentlich kann ich nur noch an heißen Kaffee denken. Aber nicht an Aufgeben: Ein weiteres Modul im Crashkurs Demokratie steht an.
Schuld ist das Thüringer Kommunalwahlgesetz. Das verlangt von jeder Partei oder Wählervereinigung, die sich erstmals zur Kommunalwahl stellt, Unterstützerunterschriften: das Vierfache der zu vergebenden Stadtratssitze. In Jena macht das 184, und da eine Menge x an ungültigen Unterschriften dabei ist (weil Leute z. B. ihr Geburtsdatum nicht einschreiben), braucht man eher so 230, um ruhig schlafen zu können. Damit es nicht zu einfach wird, bekommen wir die Listen nie selbst zu sehen – Datenschutz! Wir dürfen auch nicht auf  Arbeit oder im Sportverein sammeln. Unterschriften sind ausschließlich im Bürgerbüro der Stadt möglich. „Amtsstubensammlung“ nennt sich das.
Deshalb stehen Clemens und ich morgens bei 5°C vor dem Bürgerbüro. Trotz Handschuhen werden die Finger um die Programmflugblätter langsam steif. Beobachten, einschätzen, ansprechen: „Guten Morgen, darf ich Sie einen Moment aufhalten? Die Jenaer Piraten wollen zum ersten Mal …“ Die Hälfte der Leute hat es eilig und einen Termin. Wenige finden uns völlig unakzeptabel, manche interessieren sich erklärtermaßen gar nicht für Politik, aber etliche hören sich an, was wir zu sagen haben.
Die Erfolgsquote ist besonders hoch bei jungen Eltern und Fahrradfahrern. Warum auch immer. Die meisten unterschreiben nicht deshalb, weil sie von unserem Programm vollends überzeugt wären (was ja auch schwierig ist, wenn man gerade eben ein A4-Flugblatt in die Hand bekommen hat), sondern weil sie es fair finden, dass wir antreten dürfen. Dabei sind ganz Junge und ganz Alte, Männer wie Frauen. Bei manchen wundere ich mich hinterher, warum ich eigentlich Erfolg hatte, denn erwartet hätte ich das auf keinen Fall. Es war nur … der Mut der Verzweiflung wohl. Oder das Gefühl, nicht hinter Clemens zurückstehen zu dürfen.
„Eine Art von Bestrafung“ nennt er diese demokratische Bußübung. Auf jeden Fall ist es eine Hürde.
Gelegentlich schauen Mitarbeiter der Verwaltung mitleidig grinsend auf uns hernieder. „Das wird ihnen noch vergehen, wenn wir erst ihre Vorgesetzten sind“, sage ich. Denn schließlich bewerben wir uns um einen Sitz für das Gremium, das in dieser Stadt die Entscheidungen trifft.

PS: Zu diesem Post hat mir wordpress „Barriere der Doppelsocken“ als Tag vorgeschlagen. Wer bitteschön taggt denn mit so etwas? Na ja, ich. Ich will ja kein Spielverderber sein.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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5 Antworten zu Draußen vor der Tür

  1. Tobias Schäfer schreibt:

    Ach, die Piraten haben noch nie an der Kommunalwahl teilgenommen? Das erklärt einiges 😉

  2. Heidrun Jänchen schreibt:

    Nicht in Jena, anderswo schon. Jede Kommune ist ein eigenes Königreich, und überall zittern Thüringer Piraten vor Rathaus- und Bürgerbürotüren … Es gab sofort herzliche Grüße aus Gotha und Erfurt. Aber wir haben’s, meint der Wahlleiter, inzwischen geschafft. Jena kann sich auf eine neue Farbe im Stadtrat gefasst machen.

    • Tobias Schäfer schreibt:

      Kommunalwahlen … hm. Da darf ich fein in Blankenhain wählen…

      • Heidrun Jänchen schreibt:

        Gibt es in Blankenhain Piraten? In SHK sicher, aber die sind auch eher eine Verschwindungsgröße. Ihr müsstet doch auch den Kreistag wählen, oder? Wir tun ja nur so, als wäre es Stadtratswahl. Heimlich sind wir ein ganzer Kreis!

      • Heidrun Jänchen schreibt:

        Mitstreiter waren diese Woche in Blankenhain als Stimmensammler unterwegs. Du könntest ihnen eine große Freude machen, glaube ich. Sie verzweifeln gerade an den Zuständen in der Thüringer Provinz, wo teilweise Verwaltungsangestellte vom Chef verboten bekommen, die Piratenliste zu unterschreiben. Morgen wäre die letzte Chance …

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