Blumen für die Sieger, Küsse für die Werktätigen

Eichplatzputz1Das Problem war die Pressemeldung. Nachdem das amtliche Ergebnis feststand, war die fällig. Nichts sagen ging gar nicht. Aber was sollte ich schreiben?
Ein Teil von mir war natürlich dafür mitzuteilen, dass das hohe Ross des Oberbürgermeisters offenbar doch nur ein Schaukelpferd war und die Meinung des Stadtentwicklungsdezernenten nicht so alternativlos, wie er per Facebook behauptet hatte. Durchaus. Der vernünftigere Teil meines Gehirns fand, dass wir das nicht nötig haben und über so kleinlichem Gespött stehen – bedauerlicherweise. Es war schwierig.
Am Ende entschied ich mich für die Minimalvariante: Da die Grünanlage absehbar nicht weggebaggert werden würde, rief ich zum kollektiven Frühjahrsputz und Blumenpflanzen auf. Das lief, wie es immer läuft. Fünf vor zehn standen wir zu zweit auf dem Platz, und ich begann, mich schlecht zu fühlen. Hätte ich doch noch eine Mail rumschicken sollen? Nein. Ein Viertelstündchen später brodelte da das Leben. Es hackte, sammelte, rupfte, grub und goss, dass es eine Freude war. Leute kamen vorbei, um uns Blumen zu bringen: Stiefmütterchen, Tausendschön und Traubenhyazinthen, Iris aus dem eigenen Garten, Margariten … Die Blumenhändler von Markt und Kirchplatz spendierten uns ihre Restposten und versorgten uns mit Wasser. Auch Schokoküsse wurden uns gebracht. Wir hatten den Spaß unseres Lebens.
Und jede Menge Aufmerksamkeit. Die Bürger sind kommunikativ. „Wohin kann ich mich wenden, wenn ich hier einen Park will?“, fragt die eine. Die nächste: ob wir von der Stadt wären oder privat? Wer das alles bezahlt? Diesmal sagt uns keiner, wir wären verrückt. Wir sind die verrückten Sieger. Uns überschüttet man mit Blumen, bis wir gegen 13 Uhr den ungeordneten Rückzug antreten, um nicht den ganzen Parkplatz bepflanzen zu müssen.
Auf jenapolis schreibt ein verbitterter JA-Propagandist, die Wutbürger würden Blumen pflanzen. Da sieht man sie förmlich, die enthemmte Menge, die brutal Stiefmütterchen in die Erde rammt. Ein anderer vermisst unser Triumphgeheul. Klar, das gehört zum Blumenrammen. Wenn man dann Mausi (3) mit ihrem Gießkännchen sieht, befällt einen endgültig kognitive Dissonanz. Zu Mittag sind alle Bänke besetzt. „Die bringen die Anlage in Ordnung, weil die Stadt das nicht auf die Reihe kriegt“, erklärt ein Vater seinem Sohn. Die Sonne kommt hinter den Wolken vor.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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3 Antworten zu Blumen für die Sieger, Küsse für die Werktätigen

  1. Ellen Löchner schreibt:

    Liebe Heidrun,

    wie ich euch das gönne. In Mainz treten wir in die siebzehnte Phase der öffentlichen Diskussion ein. Grüße!

  2. Bert schreibt:

    Kennst du sicher schon, aber falls nicht:
    http://www.presseportal.de/pm/108680/2448907/global-green-space-report-2013-zunehmendes-ungleichgewicht-zwischen-grau-und-gruen-audio

    Zitat: „In Schweden wird vermehrt über den Wert der Natur für die Gesellschaft geforscht. Jetzt gibt es endlich Beweise für den positiven Einfluss, den Aufenthalte im Freien auf die Volksgesundheit haben. (…) Die Medizinerin Matilda Annerstedt von der schwedischen Universität für Agrarwissenschaften weist in ihrer Doktorarbeit deutliche Zusammenhänge zwischen Aufenthalten in der Natur und dem allgemeinen Gesundheitszustand von Individuen nach. (…)
    Da ein Großteil der westlichen Zivilisationskrankheiten psychischer Art ist, ist es laut Annerstedt in Zukunft umso wichtiger, städtische Grünflächen zu bewahren oder gar auszubauen. »Die Volksgesundheit ist ein guter Grund, bewusster mit der Natur umzugehen.«“

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Kannte ich noch nicht, ist aber genau das Thema. Danke! Ich finde es leicht bescheuert, mit „Volksgesundheit“ zu argumentieren – da sind wir in drei Schritten bei den Gesundheitskosten und dem lieben Geld. Eigentlich reicht für mich, dass es die Leute glücklich macht. Aber da man immer ein Argument braucht, wenn man Geld ausgeben möchte (z. B. für ein paar Blumen), werde ich mir das aufheben. Ich habe erfreulicherweise den Wald mehr oder weniger hinter dem Haus, aber das ist kein Grund, auf Grünzeug im Stadtzentrum zu verzichten.

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