Sind Behindertentoiletten diskriminierend?

Es ist schon erstaunlich: Immer wenn man annimmt, etwas Gutes für Menschen getan zu haben, kommt irgendein Superschlauer daher und macht klar, dass es nur zeigt, wie sehr man doch in seinem alten, euro-heteronormativ-ableistischen Weltbild gefangen ist …
Was ist das Problem? Die AG Feministisch Sprachhandeln hat einen Sprachführer für ultimative sprachhandelnde Gerechtigkeit verfasst. Der ist anstrengend, schon weil man zu den anstrengenden Gendergaps jetzt auch noch variable Gendergaps eingeführt hat, die gefühlt einfach überall auftreten:
wel_chen, Femin_istin, Re_produktion, und_oder, W_ortungen …
Davon abgesehen, transportiert er vor allem eine Botschaft: Mach den Mund auf, und du diskriminierst. Zum Beispiel mit diesem Satz, denn es gibt Leute, die zum Sprachhandeln eben nicht den Mund aufmachen, sondern die Hände benutzen. Und jetzt sag bloß nicht: „Oh, du bist stumm? Das wusste ich nicht …“

Dixiland

geschlechtsneutrale, allerdings nicht behindertengerechte Toilettenanlage, Muir of Ord, Schottland. (Endlich habe ich eine Verwendung für dieses Foto gefunden!)

Besonders faszinierend finde ich den Fall der Behindertentoiletten. Es gibt, richtig beobachtet, Toiletten für Männlein, Weiblein und (Geh)Behinderte. Das ist zunächst einmal diskriminierend, weil man die unbehinderte Mehrheitsbevölkerung in Männlein und Weiblein teilt, auch wenn vielleicht 0.5 % der Bevölkerung transgender ist. Schrecklich, wie man denen zumuten kann, eine Toilette mit geschlechtseindeutigen Menschen zusammen zu benutzen. Und dann kommt es: Die Behindertentoilette ist erst recht diskriminierend, weil die Benut_zerinnen a) nicht bei den Männer-/Frauentoiletten mitgemeint sind, und b) ihnen kein eindeutiges Geschlecht zugeordnet wird. Die Behinderten werden also diskriminiert, indem sie nicht in gleicher Weise diskriminiert werden wie Nichtbehinderte. Gleiche Diskriminierung für alle!
Die ultimative Lösung für das Problem ist tatsächlich die Unisex-Toilette der Berliner Piraten. Es gibt keinen vernünftigen Grund, warum Frauen und Männer nicht die gleiche Klobox benutzen sollten. Wo immer Dixi-Klos aufgestellt werden, verzichtet man auf die eindeutigen Piktogramme, und bisher haben es alle überlebt. Meinetwegen Unisex-Toilette plus Verschlag für Pissbecken. Das wäre durchaus gerecht, denn dann würden sich die endlosen Schlangen vor den Damen-Toiletten reduzieren. Frauen brauchen im Schnitt länger auf dem Klo, und zwar nicht zum Frisurenzupfen und Nachschminken, sondern auf dem Topf. Wir müssen ja auch erst den Hintern freilegen – in jedem Falle.

geschlechtseindeutige, eingegenderte Toilette, Hasselt, Belgien

geschlechtseindeutige, eingegenderte Toilette, Hasselt, Belgien

Eine Behindertentoilette ist eine Menge mehr baulicher Aufwand. Es ist gut, dass der betrieben wird, und ich gönne mir selbst auch ganz gern den Luxus einer richtig großen Toilette mit eigenem Waschbecken, z. B. wenn ich durchgeschwitzt mit viel Gepäck auf einem Bahnhof ankomme und mich in vorzeigbare Form bringen möchte. Und vielleicht ist das der Knackpunkt: Keiner verbietet dem Rollstuhlfahrer, ein geschlechtseindeutiges Normalklo aufzusuchen – falls er damit zurecht kommt. Der Rollstuhlfahrerin natürlich auch nicht. Keiner verbietet der/m Nichtbehinderten, das geschlechtsuneindeutige Behindertenklo zu verwenden. Es ist ein Hilfeangebot für Leute, die ein Problem haben, und damit sie nicht jede Klobox ausprobieren müssen, bis sie die eine finden, in die sie mit dem Rollstuhl hineinpassen, steht es klar und deutlich dran. Ist es peinlich, ein Rollstuhlfahrerklo zu benutzen, wenn man im Rollstuhl sitzt? Wohl kaum, denn dass man nicht laufen kann, werden die meisten Leute ohnehin schon bemerkt haben. Am Häuschen steht eigentlich nur dran: Dieses ist so groß, dass Rollstühle manövrieren können. Kann man Rollstühle diskriminieren? Ist der Hinweis auf einen Fahrstuhl diskriminierend, wenn es eine Treppe gibt?
Wie viele Behindertentoiletten könnte man eigentlich bauen, wenn man alle Lehrstühle für Gender-Studies schließen würde? Und wäre den Menschen jeglichen Geschlechts damit nicht mehr geholfen?

Übungsaufgabe:
Warum ist die AG Feministisch Sprachhandeln diskriminierend?
Hinweis: Es gibt eine triviale und eine ziemlich artistische Lösung.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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6 Antworten zu Sind Behindertentoiletten diskriminierend?

  1. Tobias Schäfer schreibt:

    Ich lös das nicht. Ich bewundere dich immer, wie du abwegige Beispiele entdeckst – ansonsten hab ich eher Probleme, mich in diese Problematik einzudenken. Ich finde es eher diskriminierend, über die Diskriminierung in der Sprache zu diskutieren und damit zu postulieren, dass die von den entsprechenden Ausdrücken Betroffenen zu einer diskriminierten Minderheit gehören. Also: schickst du mir die Lösung?

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Lass mal der Menschheit noch ein paar Tage Zeit. Ich löse das schon auf.
      Das Beispiel habe ich gar nicht gefunden, das führen die in ihrem Sprachführer tatsächlich auf.
      Für den gemeinen mathematisch geprägten Naturwissenschaftler hat „diskriminieren“ was mit unterscheiden und absondern zu tun. Da gebe ich dir völlig recht: Indem ich jemanden immer und immer wieder anders benenne, sondere ich ihn ab. Ich stelle mir vor, ich wäre eine blinde Studentin der Sprachwissenschaft. Sicher wäre ich dankbar für Hilfsangebote (Wo gibt’s Hörbücher? Blindenschrift? Umwandelbare Dateien???). Aber wenn die Dozentin am Ende des Seminars sagt: „Und bis nächste Woche lesen Sie bitte Kapitel 23.“ – würde ich dann jedes Mal hören wollen: „Bis auf Heidrun natürlich; der muss das jemand vorlesen.“??? Vermutlich würde ich nach dem zweiten Seminar entweder die Flucht ergreifen oder mir weitere Erwähnungen meiner Behinderung verbitten. Schließlich impliziert es, dass ich nicht in der Lage bin, mein Leben selbst zu organisieren. Ein „Brauchst du Hilfe?“ ist in Ordnung. Wenn jemand auf eine Behinderung hinweist, dann sollte man das ernst nehmen (So leicht ist das nicht, was ich weiß, weil ich ohne die Wunder der modernen Medizin auch behindert wäre). Aber jemanden auf den Präsentierteller stellen? Nee, oder?

  2. Inge schreibt:

    Die AG Feministisch Sprachhandeln ist vermutlich eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für überzählige Sprachwissenschaftler und es eigentlich nicht wert, viel Zeit zu investieren und Worte zu verlieren. Bei uns gibt’s auch so ein Projekt, nennt sich GenderLab (eine Bezeichnung, weniger diskriminierend als „Feministisch Sprachhandeln“ – vielleicht schon des Rätsels triviale Lösung?), wird von der EU gefördert und soll die Gleichbehandlung der Geschlechter in der Wissenschaft fördern – was zumindest bei uns, im Öffentlichen Dienst im Osten, längst gegeben ist, sehen wir mal von der geschlechtsunspezifischen Ungleichbehandlung unbefristeter Haushalts- und befristeter Projektmitarbeiter(innen) ab…

  3. gmr schreibt:

    Ich habe gerade „Was tun? Sprachhandeln – aber wie? W_Ortungen statt Tatenlosigkeit.“ gelesen. Ich stelle mit gerade jemanden vor, der deutsch als Fremdsprache lernen will. Wie soll er/sie/es/??? ein solches Kauderwelsch verstehen, geschweige denn sich merken? Sprache soll zur Verständigung von Menschen dienen!

  4. Franz Gstättner schreibt:

    Dann brauchen Transgender noch Zugang zum Euroschlüssel.

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      So weit würde ich nicht gehen wollen, eine nicht-standardmäßige sexuelle Orientierung als Behinderung einzustufen. Tatsächlich fände ich Unisex-Toiletten eine gute Idee – weil sich vor der Frauen-Toilette immer eine Schlange bildet.

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