Invasion der Zackenschoten

Am letzten Sonnabend habe ich Leute mitten in der Wahlkampfmeile von Jena damit verwirrt, dass ich ihnen Infoblätter über das Orientalische Zackenschötchen in die Hand gedrückt habe. Die meisten halten das für eine Erfindung der Loriotschen Art, aber tasächlich ist diese Pflanze eine invasive Plage.
Sie kommt aus dem Kaukasus, wurde irgendwie eingeschleppt und verbreitet sich seit etwa 10 Jahren explosionsartig in und um Jena. Ökologen raufen sich die Haare, nur den Grünen ist es mal wieder völlig egal. Das Problem: Die Zackenschote neigt dazu, große Kolonien zu bilden, wo dann auf die Dauer nichts anderes mehr wächst. Damit bedroht sie unsere artenreichen Trockenrasenflächen und alles andere auch. Sie hat eine beeindruckende Pfahlwurzel, die sie zu einem erfolgreicheren Unkraut macht als den Löwenzahn, der auch nicht ganz einfach ist. Ich habe Bestände gesehen, die erfolgreich mit Brombeerhecken konkurrieren.

Ungefährlich. Das ist ein Rapsfeld.

Ungefährlich. Das ist ein Rapsfeld.

Das zweite Problem: Zackenschote tarnt sich als Raps. Viele Leute denken, da stünde verwilderter Raps am Straßenrand, aber tatsächlich ist es der aggressive Fremdling. Bei genauerem Hinsehen erkennt man die Unterschiede, und wenn man es einmal gelernt hat, sieht man überall Zackenschoten. Was auf Feldern vorkommt, ist auf jeden Fall Raps. Was aussieht wie das Zeug auf den Feldern, ist also auch Raps, denn natürlich gibt es wirklich verwilderten Raps. Der hat breite, gelappte, graublaugrüne Blätter und blassgelbe, aber größere Blüten.
Die Zackenschote dagegen bildet über dem Boden erst einmal ein Blätterbüschel. Von der Form her gleichen die Blätter am ehesten dem Spitzwegerich, aber sie sind labberiger und sattgrün – Konsistenz wie Löwenzahn. Bei großen Exemplaren können sie 20 bis 25 cm lang werden. Daraus wächst der Blütenstengel, der durchaus daumendick werden kann. Die Blüten sind kleiner als beim Raps, aber kräftiger in der Farbe.

Und das ist zwei Meter weiter eine ausgewachsene Zackenschote.

Und das ist zwei Meter weiter eine ausgewachsene Zackenschote.

Los wird man die Pest nur durch Ausgraben, aber derzeit wäre es hochwichtig, die gerade verblühenden Exemplare abzumähen, damit sie sich nicht weiter verbreiten. Denn natürlich bilden sie reichlich Samen in den gezackten Schoten. Verbreitet wird das Unkraut übrigens häufig durch Erdarbeiten, weswegen man es oft da findet, wo Straßen ausgebaut wurden. Halb Jena ist voll davon.
Zackenschotenmähen ist wie alle Bewegung an der frischen Luft gesund. Obendrein kan man seinen Aggressionen freien Lauf lassen und hat dabei noch das gute Gefühl, etwas für die Umwelt zu tun. Also zu den Sicheln, Leute! Gemeinsam können wir die Invasion zurückschlagen.

Dieser Salat ist eine Zackenschote vor der Blüte.

Dieser Salat ist eine Zackenschote vor der Blüte.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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12 Antworten zu Invasion der Zackenschoten

  1. Tobias Schäfer schreibt:

    Oha, das hab ich auch schon immer mal gesehen und für Raps gehalten. Diese Neophyten sind eine echte Plage! Jena ist übrigens auch voll von Canadischer Goldrute, und ich hab gehört, dass jemand sein Carport mit so einem asiatischen Knöterich begrünen wollte. Das Zeug hat schon ganze Wälder auf dem Gewissen – die schönen Lianenranken laden zum Spielen ein, aber ein paar Jahre später ist der tragende Baum futsch.

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Kanadische Goldrute? Die ist mir nun wieder neu. Aber die Leute vom Phyletischen Museum veranstalten auch Ausreißorgien gegen japanischen Riesenknöterich. Der rankt angeblich nicht, sondern bewuchert Flussufer.
      Ich habe mir erst einmal mein persönliches Zackenschotenareal vorgenommen. Blöderweise hilft Aufessen nicht gegen den Neuaustrieb. Aber die Vermehrung haben wir vorerst gestoppt.

  2. Anke Daßler schreibt:

    Ich habe da ein Rezept gegen Zackenschoten gefunden: einfach aufessen. Knospen kann man wie Brokkoli zubereiten.
    http://www.lwg.bayern.de/presse/2012/44098/index.php

  3. Inge schreibt:

    Oh, ein neues Feindbild! Vielleicht kann man die Spanischen Wegschnecken darauf dressieren, Zackenschoten zu verspeisen?

    • Leselotte schreibt:

      Feindbild trifft es gut.
      Kann zur Aufklärung das Buch von Wolf-Dieter Storl >Wandernde Pflanzen< empfehlen. Generell sind die Bücher dieses Ethno-Botanikers (geboren in der Nähe von Morgenröthe-Rautenkranz, mit den Eltern irgendwann nach Amerika, jetzt auf einem Einödhof im Allgäu) empfehlen.

      • Heidrun Jänchen schreibt:

        Ich bin da nicht ganz so entspannt. Australier und Neuseeländer haben mit dem Einschleppen fremder Tier- und Pflanzenarten eine Menge einheimischer Arten ausgerottet oder extrem gefährdet – bis runter zu zweistelligen Populationen. Für die hat man jetzt eigens Inseln von allem Eingeschleppten bereinigt, um das Aussterben vielleicht doch noch zu verhindern. Aber so weit muss man gar nicht reisen. In Großbritannien ist das europäische Eichhörnchen inzwischen ausgestorben, verdrängt vom größeren amerikanischen Verwandten, dem Grauhörnchen. Rhododendron, der toll aussieht, ja durchaus, überwuchert dort viele Moor- und Berglandschaften und lässt einheimischer Flora keine Chance. In den letzten Jahren ist man dazu übergegangen, ihn großflächig zu bekämpfen.
        In Jena gefährdet die Zackenschote die naturgeschützten Trockenrasenflächen und ersetzt fünf Dutzend Arten durch eine einzige. Es gibt hier kaum noch einen Wegrand, der im Frühsommer nicht halbmeterhoch gelb überwuchert ist. Die größten Exemplare sind größer als ich. Der Augenschein gibt den Ökologen der Jenaer Uni recht: Wo Zackenschote wächst, wächst sonst nichts mehr, und das wäre sehr, sehr schade um unsere Biotope. Derart aggressiv ist natürlich nicht jeder Neophyt. Viele verhalten sich eher unauffällig oder verbreiten sich nur sehr wenig.
        Grundsätzlich meine ich, man sollte mit Ökosystemen sehr, sehr vorsichtig umgehen. Ansonsten stirbt einem aus Versehen die eine oder andere Art aus, und das war’s dann für immer und ewig.

  4. Pingback: Am Bratwurststand | Heidrun Jänchen – Aurora schießt quer

  5. Einsüdler schreibt:

    Das ist natürlich demagogischer Bullshit schreibt heute „Jane Napoli“ im Sauer-Blog jezt.. Ich jedoch sage: Das kann es doch nicht gewesen sein mit unserer Verantwortung für die Vielfalt der Natur. schreibt man im Sauer-Blog weiter. Einerseits co-finanziert die Stadt die Faltblätter —>> http://www.phyletisches-museum.uni-jena.de/ausstellung-aktuelles.html , und andererseits unterstützt der durch die Stadt ebenfalls finanzierte Stadtbeamte R. Sauer mit seinem Blog genau das Gegenteil, Und das so unterirdisch, dass man am „Humor“ doch sehr zweifeln mag.

  6. Tobias N schreibt:

    @Heidrun: Die Hoffnung stirbt zuletzt.

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