Statistik, von der CDU geschönt

Für intelligente Bücher mache ich gern mal Reklame, zum Beispiel für Gerd Bosbachs „Lügen mit Zahlen“. Obwohl ich dafür bekannt bin, allen Mist nachzurechnen, der so behauptet wird (von mir lektorierte Autoren bekommen davon Alpträume), konnte ich von Bosbach noch ein paar sehr fiese statistische Tricks lernen.
Hier ist ein weiterer aus der Serie:

Arbeitsmarktstatistik_CDUMit diesem Plakat wirbt die CDU Niedersachsen für ihre Politik. Sieht beeindruckend aus, was? Wie Phönix aus der Asche. Aber warum beginnt die Kurve eigentlich mit 2006? Und woher hat man die Zahlen von 2014, die den steilen weiteren Anstieg rechtfertigen?
Ein Besuch beim Statistischen Bundesamt fördert diese Kurven zutage:

ArbeitsmarktstatistikWarum man die sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnisse da erst seit 1996 auflistet, kann ich leider nicht erklären.
Zunächst einmal: Irgendwie wirkt es weniger dramatisch, weil die x-Achse hier durch die Null geht, statt auf der Höhe von 39 Mio. zu liegen. Die längere Zeitreihe lässt zudem vermuten, dass es demnächst wieder bergab gehen könnte. Nennt man zyklische Krise, und nur weil wir die fünf Jahre nicht hatten, heißt es nicht, dass sie nicht wiederkommt. Weihnachten ist ja auch nur alle paar Jahre weiß. Die CDU sucht sich mit 2006 allerdings eine Delle, damit man nicht merkt, dass es vorher erstmal ziemlich bergab ging. Und wann war eigentlich die CDU an der Regierung? Die Zeit bis 1998 ist auch nicht gerade eine Empfehlung, oder?
Gegenüber 1996 haben heute insgesamt 4.09 Mio. mehr Leute einen „Job“, eine sozialversicherungspflichtige Arbeit aber nur 1.53 Mio. mehr. Das heißt: Für zweieinhalb Millionen deutsche Einwohner besteht das angebliche Jobwunder aus einem Minijob, aus Zeitungsaustragen zum Aufbessern der Rente, 1-Euro-Job oder Ähnlichem. Inzwischen wursteln 12.5 Mio. Leute mit McJobs herum, die zum Leben nicht reichen – über ein Viertel der Beschäftigten überhaupt. Nicht selten zerlegt man Normalarbeitsverhältnisse in mehrere 400-Euro-Jobs. Die Leute arbeiten auch gern mal ein bisschen länger, wenn man ihnen verspricht, sie vielleicht fest einzustellen.
Na, wenn das kein Grund zur Freude ist. Danke, CDU! Wie wäre es denn mal mit: Unser Ziel – menschenwürdige Löhne?

PS: Die niedrig stehende Sonne zauberte leider einen Reflex des völlig unschuldigen Hauses gegenüber in die CDU-Statistik.

 

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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3 Antworten zu Statistik, von der CDU geschönt

  1. waldbesucher schreibt:

    Das ist ja sehr oft zu beobachten, nicht nur bei Parteien. Der „Trick“ mit der geschnittenen x-Achse wird gern verwendet, oft auch ohne jegliche Beschriftung oder Einheiten, um an sich völlig unspektakuläre Dinge zu dramatisieren. Gern werden auch „Studien“ zitiert, ohne jegliche Information zu den Randbedingungen. Aussagewert: Null!

  2. gmr schreibt:

    „Warum man die sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnisse da erst seit 1996 auflistet, kann ich leider nicht erklären.“
    Wahrscheinlich deswegen, weil die sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnisse sich von 1992 bis 1996 von 29,3 Mio auf 27,7 Mio verringerten.
    (Quelle: ebenso statistisches Bundesamt)

  3. monologe schreibt:

    Nunja, aber man sollte auch niiiiieee den Anteil vergessen, den die Regierung Schröder an all dem hat: den der Gründung. Das entschuldigt freilich nicht, dass die CDU daran nix ändert und demonstriert schön die Gleichsinnigkeit der selbsternannten Volksparteien. Die „Trickserei“ macht indessen auch eine revolutionäre Entwicklung auf die Geheimhaltungsstufe durch, indem sie sich das Freihandelsabkommen mit USA vorgenommen hat. Es ist inzwischen der unbeliebteste Immigrant in spe: das amerikanische Chlorhähnchen, aber die Europäer dürften wohl ebenso überrascht werden von dem, was da außer diesem noch kommt, wie der Orient vom Auftauchen soner „ISIS“-Armee. Geradezu gespenstisch!

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