Nach Osten 2.2: Reinraum für Gurken

Zum Einkaufszentrum umgebautes Kloster in Ningbo. Der Torlöwe bewacht nur noch die Mülltonne.

Zum Einkaufszentrum umgebautes Kloster in Ningbo. Der Torlöwe bewacht nur noch die Mülltonne.

Es steht zwar nicht im Arbeitsvertrag, aber ich bin die Betriebsfeuerwehr. Wenn irgendein Projekt beginnt, unangenehm brenzlig zu riechen, habe ich es kurz darauf am Halse. Zum Beispiel, wenn die Qualität eines Objektivs von einem chinesischen Lieferanten nicht so ist, wie man sie erwartet hat. Schlauch aufrollen und los nach Osten.
In Ningbo, der Millionenstadt, die in Deutschland keiner kennt, ist der Sommer ausgebrochen. Obwohl das Wetter den ganzen Tag vortäuscht, nasskalt zu sein, herrschen 30°C oder mehr. Das Objektiv wird natürlich im Reinraum montiert. Wir werden ordentlich in weißen Kitteln, Überschuhen, Haarnetzen und Mundschutz verpackt – reif für die nächste Polarexpedition. Im Reinraum ist es warm. Ich fange praktisch sofort an zu schwitzen, und der Mundschutz erstickt mich. Aber wir sind als Zehentreter zu Besuch. Also keine Schwäche zeigen.
Irgendwann fragt mein chinesischer Kollege nach dem Klima. 27.8°C, 70 % Luftfeuchte. Ich würde gern ohnmächtig niedersinken. Derweil entbrennt eine heftige Debatte, bei der ich nur die Gruppendynamik verstehe, weil alle außer mir Chinesisch für eine einfache Sprache halten. Man versucht offenbar heftig, sich gegenseitig irgendeine Schuld zuzuschieben.
Mein Kollege regt sich auf (später erklärt er mir, dass der Kleber für die Objektive nur bis 60 % Luftfeuchte verarbeitet werden darf). Die Managerin lässt die Qualitäter antreten und Männchen machen. Sie macht eine junge Frau zur Schnecke, die sich halbherzig verteidigt, aber jedesmal wieder einen Rüffel kriegt. Irgendwann motzt mein Kollege gegen einen der Vorgesetzten – offenbar hat er das Gefühl, man meint den Esel und schlägt die Schnecke. Die lächelt dankbar.
Ich sehe mich um und bemerke, dass der Mundschutz auch alle anderen quält. Viele lassen die Nase darüber herausschauen, was die Lage deutlich verbessert, einige tragen das Ding unter dem Kinn – aber sie tragen Mundschutz! So ist das vorgeschrieben. Die Reinraumkittel werden zwar bei jedem Schleusendurchgang abgepustet, sind aber trotzdem stellenweise mehr mittelgrau als weiß. Waschen kostet Geld.
Am nächsten Tag ist die Temperatur im Reinraum erträglich, wenn auch nicht angenehm. Ich versuche es nicht mehr mit Vorbildfunktion und Heldentum, sondern lasse meine lange Nase von Anfang an draußen. In der Linie sitzen zwei junge Frauen, die es offenbar nicht mehr aushalten und die weißen Overalls zur Hälfte abgestreift haben. Die T-Shirts reichen bei dieser Wärme völlig, auch wenn sie fusseln.
So ist China – HighTech-Reinräume, aber kein Geld, die Temperatur auf einem Niveau zu halten, bei dem die Arbeiter nicht wahnsinnig werden und jede Vorschrift vergessen.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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