Nach Osten 2.5: Es ist alles so sauber

Der Karren eines Müllsammlers im Mondseepark

Der Karren eines Müllsammlers im Mondseepark

Im Durchschnitt ist Ningbo sauber. Das heißt: Solange man auf den Hauptstraßen bleibt. Gerät man in die Seitengassen, kann einen das Grauen packen. Der Widerspruch ist schnell aufgelöst, wenn man die Augen offen hält. Mit einer besonderen Ordnungsliebe hat die Sauberkeit nämlich nichts zu tun. Die Bevölkerung wirft buchstäblich alles da weg, wo sie es gerade nicht mehr braucht, obwohl es eine aufdringliche Dichte von Papierkörben gibt. Allerdings sausen ständig unscheinbare, meist irgendwie graue, gute Geister herum, die akribisch jedes Stück Müll wieder aufkehren. In den Hintergassen fehlen sie.
Es ist eine Mentalität, die mir schon zu Hause auf die Nerven geht. Dieses: Da wird sich schon einer drum kümmern. Dieses: Das ist unter meiner Würde. Ich frage mich, ob es in China Tradition hat, oder man versucht, möglichst schnell die Unarten des Westens aufzuholen.
Das scheint ohnehin das erklärte Ziel zu sein. Morgens liegen noch die Obdachlosen auf den Bänken im Tianfeng Park. Ein Stück weiter das Porsche-Autohaus. Beim durchschnittlichen chinesischen Essen wird gefühlt die Hälfte weggeworfen, weil kein Mensch all die Köstlich- und Seltsamkeiten aufessen kann. Muss man zeigen, dass man es sich endlich leisten kann? Aus den Türen der Einkaufstempel weht eiskalte Luft. Drinnen friert man beinahe. Wir haben’s ja, und zum Teufel mit dem Energieverbrauch. Wer im Zusammenhang mit China das Wort „Kommunismus“ in den Mund nimmt, beweist nur, dass er das Land noch nie aus der Nähe gesehen hat. Die Gesellschaft fällt rasend schnell auseinander – davon war bei Marx gerade nicht die Rede. Verglichen damit ist Deutschland Kommunismus.
Die Deutschen sind immer wieder ein Grund zum Haareraufen, aber in China beginne ich, sie für zurückhaltend, vernünftig und rücksichtsvoll zu halten.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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Eine Antwort zu Nach Osten 2.5: Es ist alles so sauber

  1. lawgunsandfreedom schreibt:

    In China gehört es – soweit ich mich erinnere – zum guten Ton nicht aufzuessen und Schüsseln nicht leer zu machen. Das wäre eine Beleidigung für den Koch, der dann nämlich annimmt, es wäre zu wenig gewesen. Find‘ ich auch seltsam.

    Und ja – ein Aufenthalt in anderen Ländern gibt einem einen völlig neuen Blickwinkel auf’s Heimatland. Immer wieder faszinierend.

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