Sag mir, wo die Deutschen sind …

CingovDie deutschen Touristen fehlten, sagt der slowakische Zeltplatzbesitzer. Sie führen lieber in billigere Länder: Bulgarien, Rumänien, Albanien …
An dieser Stelle begann ich zu denken. Bulgarien – ja, der Billigurlaub schlechthin, aber da gehen die Leute in ein Hotel, weil es bis Bulgarien mit Zelt und Auto echt nicht der nächste Weg ist. Rumänien? Kann mich nicht erinnern. Und Albanien?! Ich kenne Leute, die in Hongkong, Belize oder Nepal Urlaub machen, aber noch nie habe ich gehört, dass jemand allen Ernstes Albanien als Urlaubsland erwogen hätte. Das kann’s also nicht sein.
Der Zeltplatz wirkte, als habe er vor etwa 30 Jahren richtig gut ausgesehen. Zwar funktionierte alles, aber es schien auf deprimierende Weise der letzte Rest des Sozialismus zu sein. Damals, als wir noch Campingplätze reparierten und die Hütten alle zwei Jahre neu anstrichen – in fröhlichen, lebensbejahenden Farben. Farbe blätterte, zwischen den Wegplatten wucherte Unkraut.
Zeltplatz 2 hatte nur eine Rolle Klopapier für vier Buchten. Wahrscheinlich war deshalb kein Riegel an den Türen, damit man beim Nachbarn fragen konnte, ob er vielleicht gerade die kommunale Rolle hat … Zum Glück klemmte wiederum die Tür, so dass man nur ins Freie gelangte, wenn man sich mit der Schulter gegen sie warf. Nicht ganz einfach mit zehn Zentimeter Anlauf – es war so eng, dass ich mir jedes Mal beim Aufstehen vom Topf die Knie stieß. Im Waschraum lief das Wasser nicht ab, die Dusche wechselte willkürlich alle zehn Sekunden die Temperatur zwischen kochheiß und eiskalt, und die Küche sah aus wie das, was man beim Sperrmüll auf der Straße findet.
Nummer 3 hatte in moderne Technik investiert: Drehkreuz und Überwachungskamera am Eingang und Automaten, die auf Einwurf eines 30-Cent-Chips genau 3 Minuten Duschwasser ausgeben. Die Hütte, die wir in Erwartung des nächsten Wolkenbruchs gemietet hatten, schien jedoch auch ein Erbe der sozialistischen Misswirtschaft zu sein. Überm Klo faulte die Decke durch, im Regal war ein Loch, an Wänden und Stühlen fand man die Graffiti der letzten zwanzig Jahre (einschließlich Jahreszahlen). Vor der Tür lag ein angefaultes Brett, vier 2 cm lange Nägel nach oben. Herzlich willkommen. Ich weiß nicht, wo es fehlte.
Vielleicht sind die deutschen Zelturlauber gar nicht in Bulgarien. Neulich fiel mir ein Neues Deutschland in die Hände, in dem man über veränderte Campinggewohnheiten sinnierte: Der typische Camper sei nicht mehr der arme Jugendliche, sondern eher ein gutverdienender Mensch mit Sehnsucht nach Natur. Gute Campingausrüstung ist teuer. Ich habe unzählige deutsche Camper in Frankreich gesehen, in Großbritannien, in Skandinavien. Alles das  Gegenteil von billig. Aber Gegenden, die einen Klo-des-Jahres-Wettbewerb veranstalten, um besonders saubere und komfortable Toiletten zu ehren. Kann ja sein, dass wir Sehnsucht nach der Natur haben. Aber wir möchten auch eine warme Dusche und eine diskrete Ecke für unsere Verdauungsabfälle – mit Riegel und Platz für Beine. Und vielleicht nicht diesen rostigen Blühende-Landschaften-Charme, sondern die fröhlichen, lebensbejahenden Farben von früher, meinetwegen sogar mit Blumenmuster.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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4 Antworten zu Sag mir, wo die Deutschen sind …

  1. gmr schreibt:

    Nun, ich bin aus taktischen Gründen nicht campen, sondern in einem Hotel – aber immerhin in Bulgarien. Und es ist sehr schön hier – nicht alles perfekt, aber auch nichts, was ich nicht akzeptieren könnte. Aber ich habe hier zum ersten Mal den Vorteil von Mc Donalds kennengelernt – und das ist nicht ironisch gemeint – diese Restaurants setzen einen gewissen Standard bei Toiletten, mit dem sich alle anderen messen lassen müssen. (Sozusagen die positive Seite des Kapitalismus.)

  2. Heidrun Jänchen schreibt:

    Sag ich doch – in Bulgarien zelten die Deutschen nicht, da wohnen sie im Hotel. q.e.d.
    Und wahrscheinlich ist es auch noch wärmer als hier (heute nacht soll es auf 6°C runtergehen, tags schaffen wir hoffentlich 19°C).

    • gmr schreibt:

      Nix q.e.d. Wäre ich mit meiner Frau allein gewesen und sie hätte nicht gerade eine Fuß-OP hinter sich, dann hätten wir ein Interrail-Ticket genommen und gezeltet. Da wir aber außerdem 2 Mädchen (15) bei uns haben (und Lenas Freundin zusätzlich Diabetikerin ist), mussten wir den Kompromiss eingehen: Wilder Osten: ja, aber mit gesicherter Schlafmöglichkeit und Verpflegung. Ansonsten ist es hier noch ziemlich warm und was faszinierend ist: Russisch ist einer hervorragende Mittler-Sprache. (Und das bei meinem zugegeben schlechten Russisch-Kenntnissen.)

  3. Inge schreibt:

    Nun ja, Verfall findet man auch im teuren Westen. Unter der Attraktion des berühmten Pariser Wolkenkratzerviertels La Défense stand ein zugemülltes Kassenhäuschen mit der Aufschrift „Visitez la Grande Arche“ (Besuchen Sie die Grande Arche) – und keinerlei Hinweis, warum und wie lange das gerade nicht geht. Nach langem Suchen fand ich in der unterirdischen Bahnstation eine ehemals automatische, selbstreinigende Toilette – in einem Zustand, der meine schlimmste Erinnerung an ein WC public in Rumänien 1985 übertraf. Dabei ist sonst in Paris kein Mangel an Toiletten. Man muss sich allenfalls gedulden, bis die (natürlich dunkelhäutige) Reinigungskraft in aller Ruhe zwanzig Meter Klopapier abgerollt hat, um damit den Boden zu wischen.

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