Wahlwerbung 3.5: Lügt wenigstens besser!

Jena, Teichgraben. Von ferne gelesen scheint der Metatext "Bildung einstellen" einen höheren Sinn zu haben.

Jena, Teichgraben. Von ferne gelesen scheint der Metatext „Bildung einstellen“ einen höheren Sinn zu haben.

„500 Lehrer pro Jahr einstellen“ plakatiert die SPD, und der informierte Leser wundert sich. Stellt die SPD nicht den Bildungsminister im Freistaat? Stand im Koalitionsvertrag nicht, man wollte bis 2015 insgesamt 2500 Lehrer einstellen, also immerhin 417 pro Jahr?
Daraus scheint nicht viel geworden zu sein.
Thüringen hat in Deutschland die zweitältesten Lehrerkollegien. Fast 55 % sind älter als 50 Jahre, meldet das Statistische Bundesamt. Nur die Berliner Lehrer sind noch ein wenig älter (55.6 % Ü50). Die Thüringer Schulstatistik wies zu Schulanfang 2013 ein Durchschnittsalter von 51.2 Jahren aus. 2009, als Christoph Matschie (SPD) Minister für Bildung wurde, waren es noch genau 50 Jahre.
Vor einem Jahr waren 1525 Lehrer älter als 60 – etwa 10 Prozent, wobei viele Lehrer die Möglichkeit zur Frühverrentung nutzten und vorzeitig ausgestiegen sind. Unter 40 sind genau 2424 oder 16 % der Lehrer. Die Verteilung sieht dramatisch aus. Die starken, alten Jahrgänge haben 800 bis 1000 Lehrer – alte DDR-Bestände. Die jungen kommen auf etwa 100. Die Alten werden also demnächst 900-Stück-weise in Rente gehen, und die SPD will dieses Loch mit 500 Jungen stopfen.
Auch insgesamt nimmt sich das alles sehr bescheiden aus. In Matschies Amtszeit sank die Zahl der Vollzeit-Äquivalente um 2.5 %. Die Zahl der Lehrer nahm also noch einmal ab – wie all die anderen Jahre nach der Wiedervereinigung auch. Derweil befindet der Minister, „stille Beschäftigung“, also eine Art Hausaufgaben in der Schule, sei kein Unterrichtsausfall, auch wenn niemand die Schüler unterrichtet, sondern die sich selbst beschäftigen. Ansonsten wäre die Ausfallstatistik zu peinlich. Wenn man weiß, dass es in Thüringen 905 allgemeinbildende Schulen gibt, dann kann man mit Mathematik der 4. Klasse ausrechnen, dass auf jede Schule pro Jahr etwas mehr als ein halber neuer Lehrer kommt. 

Lehrerstat2
Falls sich die SPD überhaupt an ihre Versprechen hält. Aber da sie nach der Wahl vermutlich wieder der Angst vor dem politischen Wechsel befallen und sie sich der CDU in die Arme werfen wird, kann sie 2019 abermals behaupten, es habe alles nur am Koalitionspartner gelegen. In der untenstehenden Grafik gibt die gelbe Kurve die Teilzeitstellen an (Altersteilzeit, Stellenteilung …), blau die Vollzeitstellen und schwarz die Summe aus beiden – seit 1991. Da sieht man seit 2009 doch deutlich die Handschrift der mitregierenden SPD, oder?

Lehrerstat1
Wie wäre es, wenn die altrosa Wahlkämpfer plakatieren: Wir stellen so viele Lehrer ein, wie die CDU uns lässt?

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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8 Antworten zu Wahlwerbung 3.5: Lügt wenigstens besser!

  1. waldbesucher schreibt:

    Wenn ich lese: „500 neue Lehrer“ würde ich ja eigentlich erwarten, dass diese 500 zusätzlich zum normalen Ersatz der Rentner gemeint sind. Denn der einfache Ersatz der in Rente gehenden Lehrer wäre der Normalfall. Wenn ich mir die Grafik aber ansehe, wird mir schlecht. Meine Kinder kommen demnächst in die Schule…

  2. Max Headroom schreibt:

    „Education is the most powerful weapon which you can use to change the world.“
    Nelson Mandela
    Da muß sich doch niemand wundern, daß diese Waffe stumpf gehalten wird, denn wie sagt der Volksmund:
    „Dummes Volk regiert sich gut!“

  3. Karsten Kruschel schreibt:

    In Sachsen haben wir dasselbe Problem: Seit der Wende wurden kaum noch Lehrer eingestellt, und in den Lehrerzimmern stehen auf fast jedem Platz Fotos von den Enkelkindern.

    Die jüngst aus dem Landtag herausgewählte FDP war so frech, auf ihren Wahlplakaten mehr Lehrerstellen zu fordern … obwohl sie in der alten Regierung saß und niemals durch derartige Aktivitäten aufgefallen war.

  4. Heidrun Jänchen schreibt:

    In meinem Wahlkreis treten gleich drei Leute an, die alle mehr Lehrer fordern: Matschie (SPD), der als zuständiger Minister damit hausieren geht, dass man im letzten Schuljahr tatsächlich endlich 400 Lehrer eingestellt hat – natürlich nicht zusätzlich. Wothly (CDU) ist selbst Lehrer und schwadroniert recht vage von Chancen für Absolventen und „Bildungsgerechtigkeit“. Die sieht wohl kaum so aus, dass man im Neubaugebiet (und Armutsbrennpunkt) Lobeda ein Gymnasium schließt, um in besser betuchter Gegend ein nagelneues zu bauen, wie das sein Parteifreund und Dezernent Schenker in Jena tut. Torsten Wolf (Linke) ist als GEW-Vertreter noch einigermaßen glaubwürdig. Schaun wir mal, wer von denen in zwei Wochen gewählt wird und was er draus macht. Spannender als in Sachsen ist es hier allemal.

  5. Anke Daßler schreibt:

    Lügen haben kurze Beine. In Thüringen humpeln sie dazu noch auf Krücken ! Oh Gott, man braucht doch keine bessere Bildung, sonst merkt dass doch unser Wahlvolk ! Das hat doch alles System.

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Ja, dummes Volk regiert sich gut. Außerdem lohnen sich Investitionen in die Schulen in Sachen Wählerstimmen nicht wirklich. Bildung rentiert sich nach 10 bis 20 Jahren … Wenn man irgendeine Dorfstraße saniert, honorieren das die Wähler viel direkter. Solange sich das nicht ändert, haben die Politiker völlig falsche Anreize.

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