Die suggestive Macht der Zahlen

Das Buch „Lügen mit Zahlen“ von Gerd Bosbach und Jürgen Korff kann man nicht oft genug empfehlen. Man lernt da die wildesten Dinge über Statistik, unter anderem, dass Kommastellen in Wahlprognosen völliger Mumpitz sind, weil die systematischen Fehler viel größer als 1 % sind. Wenn tatsächlich 2 % der Bevölkerung die NPD wählen wollen, man aber nur 500 befragt, dann hat man bei einer absolut repräsentativen Stichprobe exakt 10 NPD-Wähler dabei. Aber was ist schon absolut repräsentativ?  Wahrscheinlich hat man eher 8 oder 12 dabei – das wären dann 1.6 oder auch 2.4 %, zwei sind unsicher und drei lügen.
Vor Wahlen wird es regelmäßig hektisch. Jeder macht noch schnell eine Umfrage. Egal? Umfrageergebnisse haben eine suggestive Wirkung, insbesondere wenn es eine 5 %-Hürde gibt. Keiner, der sich auf den Weg ins Wahllokal macht, möchte seine Stimme wegwerfen (okay, bis auf eine Mindermenge Ungültig-Wähler). Wenn eine Partei vor der Wahl also beharrlich bei 3 % steht, dann wählt man eher eine andere. Und nichts ist erfolgreicher als der Erfolg. Wer sich nicht ernsthaft informiert, neigt tatsächlich dazu, den vermutlichen Wahlsieger zu wählen – weil man beim Sieg irgendwie dabei sein möchte. Klingt bescheuert, aber es gibt auch Leute, die Dauerwerbesendungen gucken und Steakmesser kaufen. Eine Umfrage ist also bestens zur Manipulation geeignet. Hinzu kommt, dass die Institute nie die wirklichen, rein rechnerischen Zahlen verwenden, sondern streng geheime Normierungsfaktoren ansetzen, wie man dank Bosbach weiß.

Die dicken Blöcke zeigen das endgültige Wahlergebnis 2009

Die dicken Blöcke zeigen das endgültige Wahlergebnis 2009

Neugierhalber habe ich mir die Umfragewerte für Thüringen angesehen – und zwar die vor der letzten Wahl. Interessant ist die Fieberkurve im Sommer 2009. Daran sind verschiedene Institute und verschiedene Auftraggeber beteiligt: ARD, ZDF, BILD, MDR, Stern, Freies Wort … Sogar die Thüringer Staatskanzlei ließ 2008 die Wählergunst erforschen – wozu eigentlich? Die Stichproben lagen zwischen 1005 und 369 Wählern. Gegenüber den tatsächlichen Wahlergebnissen gibt es zwei klare und interessante Abweichungen: Die CDU wurde von ausnahmslos allen deutlich zu gut eingeschätzt (bis zu 10 %!), die Linke nicht ganz so deutlich zu schlecht. Bei der FDP gab man sich offensichtlich Mühe, ein stabiles Ergebnis über 5 % zu präsentieren, um Wähler zu ermutigen. Thüringen ist nicht gerade die FDP-Hochburg. Inzwischen schon gar nicht mehr.

Wahlprognose2014
Diesmal scheint sich die CDU nach einem spektakulären Einbruch Anfang des Jahres wieder berappelt zu haben und doch wieder besser dazustehen als bei der letzten Wahl. Aber irgendwie sehen sich die Kurven verdammt ähnlich. Derzeit ist es mehr die AfD, der man angestrengt den Einzug in den Landtag vorhersagt. Als vorsichtige Verschwörungstheorie kann ich diese anbieten: Ein Einzug der AfD mit 10 % wie in Sachsen könnte die Option Rot-Rosa-Grün von Anfang an zunichte machen und nur noch Schwarz-Rosa übrig lassen. Das scheinen im Moment die Lieblingsfarben der deutschen Industrie zu sein, weil die Mischung dafür sorgt, dass Politik nicht stattfindet. Zumindest in den letzten 5 Jahren waren die Koalitionäre im Land wahlweise mit ihren Skandalen und Attacken gegen den Partner beschäftigt.
Es bleibt also spannend. Liegt man diesmal ähnlich daneben? Ihr habt es in der Hand – in reichlich einer Woche.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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