Öffentlicher Raum: Žilina

Seit einiger Zeit gehe ich anders durch fremde Städte, und ich fotografiere auch andere Dinge. Anstoß war die immer wieder geäußerte Behauptung, keine vergleichbare Stadt würde sich im Zentrum einen Platz wie den Jenaer Eichplatz leisten.
Viele slowakische Städte haben im Zentrum einen geradezu gigantischen, langgestreckten Freiraum, auf dem nicht selten die Kirche und das Rathaus und vielleicht noch irgendein anderes öffentliches Gebäude steht, etwa ein Glockenturm. Unbedingt gibt es da aber auch eine üppige Grünanlage, irgendwelche Denkmäler und Springbrunnen. Eine größere Pflasterfläche für Wochenmarkt und Kultur darf auch dabei sein.
Nach Žilina bin ich eher zufällig gekommen. Die Stadt lag am Weg. Sie hat reichlich 80000 Einwohner, und sicher wird jemand schreien, das sei mit Jena nun überhaupt gar nicht vergleichbar. Oder doch? In Žilina ist das Layout etwas anders, weil die Stadt ein ziemliches Gefälle hat. Aber es gibt sogar Berge ringsum, eine übersichtliche Altstadt, ein Lobeda-Äquivalent am Rand. Und es gibt mehrere Plätze im Zentrum. Der Marienplatz ist das, was man bei uns den Marktplatz nennen würde – mit Marienstatue.
Ringsum haben die Häuser großzügige Arkaden, eine Erfindung, die in Gegenden mit nennenswertem Wetter sofort einleuchtet: Bei Sonnenglut im Sommer gibt es kühlen Schatten, bei Regen Trockenheit. Sie laden ein zum Flanieren. Es gibt eine kleine Grünanlage ebenso wie Bänke, Bäume, Büsche am Rande des Platzes. Am frühen Abend fand ein kostenloses Konzert eines Swing-Orchesters der US Armee statt, ein Teil des Žilinaer Kultursommers. Bei aller Antipathie gegen Armeen – das ist immer noch eine der sympathischeren Tätigkeiten von Soldaten. Jedenfalls war der Platz voller Leute, die sichtlich Spaß hatten, und zwar vom Säugling bis zur Urgroßmutter. Auch die Gaststätten rings um den Platz hatten keinen Mangel an Besuch. 20:00 Uhr war übrigens Schluss, was den Stress mit genervten Anwohnern vermutlich in Grenzen hält.
Ein paar Schritte weiter liegt der Andrej-Hlinka-Platz, großzügig unterhalb der Kirche ausgebreitet, erreichbar über eine feudale Treppe. Mitten auf dem Platz fand sich ein Beach-Volleyball-Feld, extra aufgeschüttet. Ob für eine Veranstaltung oder einfach zur sommerlichen Volksbelustigung, konnte ich nicht herausfinden. Auch hier eine Menge Bäume, am Rand der gepflasterten Fläche nicht in diese winzigen Baumscheiben gepfercht, sondern mit reichlich unversiegeltem, grasbewachsenem Boden. Zwischen Treppe und Platz plätscherte über mehrere Terrassen ein riesiger Springbrunnen, der mich wegen des floralen Gebildes im oberen Becken und des gefließten Bodens sofort an den ehemaligen Jenaer Orchideenbrunnen erinnerte. Ich könnte wetten, dass bei schönem Wetter tagsüber Kinder darin herumplanschen, die nicht wissen, dass sie damit gegen jede EU-Vorschrift verstoßen.
Hinter diesem Platz erstreckt sich noch eine weitläufige Grünanlage, wie mir hinterher ein Blick auf den Stadtplan verriet.
Žilina, überhaupt nicht mit Jena vergleichbar, leistet sich jede Menge öffentlichen Raums mitten im Zentrum der Stadt. Dieser Raum, historisch und neuzeitlich strukturiert, abwechslungsreich und grün, lebt, wird genutzt und bespielt. Die Idee, da vielleicht ein weiteres Shopping Center zu errichten (natürlich hat auch Žilina diese Segnungen der modernen Kultur), wirkt absurd, sogar auf die Heiligen.

(Eins der Bilder anklicken, um die Galerie zu öffnen.)

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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4 Antworten zu Öffentlicher Raum: Žilina

  1. Inge schreibt:

    In Dresden entsteht eine neue Grünanlage, direkt vorm Hauptbahnhof. Schade, dass man sie nur von oben sieht…
    http://www.sz-online.de/nachrichten/bye-bye-wiener-loch-2923835.html

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Das kennen wir doch irgendwoher … Die großzügigen Innenhöfe sind irgendwo in der zweiten Etage, ja?

  2. Karsten Kruschel schreibt:

    Ui, da war ich zuletzt 1982 oder so. Ich erinnere mich an die Arkaden, denn es war knallheiß damals.

    Die Stadt hat sich ganz schön rausgeputzt seitdem. Mal abgesehen von dem Einkaufscenter …

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Ich bin offenbar die Einzige, die überhaupt noch nie zuvor in der Slowakei war. Ich hatte das Gefühl, das mal nachholen zu müssen. Du würdest Dich wundern, welche Werbungsdichte entlang der westslowakischen Straßen herrscht – und welche Trostlosigkeit im Osten.

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