Heute in Schottland und anderswo

SaorAlba„Warum sollen wir dafür bezahlen, dass sich die Engländer noch ein bisschen als Großmacht fühlen können?“, fragte vor einem Jahr ein Leserbriefschreiber einer Zeitung aus Inverness (es scheint derer drei zu geben, und ich kann mich nicht erinnern). Ich fand das ein sympathisches Argument für ein freies Schottland, ebenso wie die erklärte Absicht, die Trident-Atomraketen nach England abzuschieben. Das eine oder andere Land dürfte ganz froh sein, Großbritannien geschwächt zu sehen, vor allem militärisch.
Auch soziale Fragen spielen eine Rolle. In Schottland gibt es etwa keine Rezeptgebühren – in England schon. Kostenlose Gesundheitsversorgung gegen Militäreinsätze weltweit, das klingt wie ein vernünftiger Tausch. Aber natürlich ist die Sache sehr viel komplizierter. Was ich definitiv nie erlebt habe, war ein dumpf-nationalistisches „Schottland den Schotten!“. Zumindest über Besucher von anderswo freut man sich herzlich und ist gern bereit, die ganze Geschichte und die aktuellen politischen Zwistigkeiten mit ihnen zu diskutieren. Außerdem scheinen die Schotten überzeugtere Europäer zu sein als die Engländer.
Mit besonderer Spannung schaut man heute in einer ganz anderen Gegend Europas nach Schottland. Auch die spanischen Katalanen möchten ein Referendum über den Verbleib im Königreich abhalten. Anders als im Falle Schottlands ist die spanische Zentralregierung streng dagegen. Auch das Autonomiestatut der Katalanen hat sie abgelehnt.
Anders als bei den Schotten ist man sich in Katalonien weitgehend einig. Das hat neuzeitlichere Gründe als die in beiden Fällen etwa 300 Jahre alte Annexion. Die Katalanen waren die letzten Verteidiger der spanischen Republik, und Francos Faschisten haben ihnen das sehr übel genommen. Noch 1996 gab mir mein katalanischer Kollege den eindringlichen Rat, sofort das Weite zu suchen, sollte irgendwo die Guardia Civil auftauchen. Ihm verdanke ich auch die Erklärung, warum der FC Barcelona einer der besten Fußballvereine der Welt ist: Jahrzehntelang war Fußball die einzige legale Art des Widerstandes. Spiele gegen Real Madrid sind bis heute nicht einfach Fußball, sondern Befreiungskampf. 1996 stand an den Zapfsäulen noch das spanische „Sine Plomo“. Inzwischen sind sie mit „Sens Plomb“ beschriftet. Katalonien erobert sich die eigene Sprache zurück.
Erst seit 1978 ist Spanien per Verfassung eine parlamentarische Monarchie, also ein mehr oder minder demokratischer Staat, und im Alltag scheinen sich Repression wie Angst noch länger gehalten zu haben. Eine treibende Kraft der Abspaltung ist die ERC, eine ziemlich linke Partei, die gegen Bankenrettung und Militäreinsätze und für Umverteilung zugunsten des Sozialen eintritt. Auch eher undumpf. Eine Abspaltung Schottlands – mit Segen der britischen Regierung – wäre ein Argument, ein Hoffnungsschimmer, eine Unterstützung für die eigene Bewegung.

Catalunya

Wandbild in der Belfaster Falls Street. Separatisten aller Länder vereinigt euch …

Kein Problem mit ihrer Zentralregierung haben hingegen die französischen Katalanen. Die beschriften zwar konsequent alles zweisprachig und haben überall katalanische Fahnen hängen, aber ansonsten scheinen sie sich in Frankreich wohl zu fühlen. Manchmal hilft es, Minderheiten ernst zu nehmen und freundlich zu behandeln.
Ich jedenfalls bin im Moment mehr als gespannt, wofür sich die Schotten heute entscheiden.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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