Nach Osten 3.1: Erschreckender Service

BuddhaAls ich meinen gerade mal 11 kg schweren Koffer hochhebe, um ihn die sechs Stufen hinunterzutragen, versucht die Empfangsdame, ihn mir abzunehmen. Sie reicht mir nicht einmal bis zur Schulter. Ich könnte ohne große Probleme nicht nur den Koffer, sondern auch sie da runtertragen. Gleichzeitig. Aber sie lässt den Seitengriff nicht los, bis ich das Gepäckstück wieder auf festen Boden stelle. Ich komme mir unsäglich blöd vor. Warum versteht keiner, wie peinlich das ist?

Nach mehreren Stunden Besprechung mit keinem stärkeren Getränk als Wasser (nach über 30 Stunden Reise wäre Kaffee auch nicht so verkehrt) brauche ich eine Toilette. Ich finde auch eine und verbreite prompt heiligen Schrecken bei den beiden Klofrauen. Sie geleiten mich zu einer Box, als könnte ich mich sonst unter den etwa 20 falsch entscheiden. Es ist offensichtlich die Mitarbeitertoilette, ein porzellanenes Loch im Boden. Macht nichts. Blöd wird es erst, als ich feststelle, dass kein Klopapier da ist. Zum Glück hat die gemeine Deutsche ein Papiertaschentuch in der Hosentasche. Die Hälfte opfere ich. Weise Voraussicht.
Später am Tag weist man mir die Gästetoilette mit richtigen Kloschüsseln. An der Wand hängt auch ein Papierspender. Die Hand greift allerdings ins Leere. An dieser Stelle bin ich sauer auf mich. Aber wenigstens habe ich noch ein halbes Taschentuch. Eigentlich hätte ich das wissen müssen. Als ich das erste Mal in unserer chinesischen Fabrik war, gab es auf der luxuriösen Angestelltentoilette immer nur bis etwa 14 Uhr Papier. Nach zwei Tagen hatte ich begriffen, dass man sich beim Vormittagsbesuch eindecken musste. Über die Arbeitertoilette möchtet ihr nichts hören, glaubt mir.

Neues Hotel. Während ich beim Abendessen war, hat jemand meinen Vorhang zugezogen, einen flauschigen Bademantel auf meinem Bett abgelegt, fluffige Pantoffeln vor das Bett, zwei Äpfel auf den Tisch. Und Teewasser gekocht. Es ist heiß, als ich die Kanne anhebe, um Wasser einzufüllen. Jetzt frage ich mich, ob irgendwo unterm Bett Cato wartet und ich mir ernsthaft Sorgen machen sollte. Aber erst einmal brühe ich mir einen Tee.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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3 Antworten zu Nach Osten 3.1: Erschreckender Service

  1. Inge schreibt:

    Fahr doch das nächste Mal nach Japan. Da wird der Hintern nach jedem Geschäft geduscht und geföhnt. Habe ich im Kinderfernsehen gesehen.

    • waldbesucher schreibt:

      Inge: stimmt! Allerdings mußt Du den richtigen der japanisch beschrifteten Knöpfe identifizieren, um nicht unliebsam überrascht zu werden…

      • Heidrun Jänchen schreibt:

        Dummerweise kann man in Japan keine billigen Objektive kaufen. Ich fahre ja nicht zum Spaß nach China, sondern um im Dienste der Firma Lieferanten auf die Nerven zu fallen. Ansonsten könnte ich mir auch andere schöne Gegenden auf der Welt denken. Südfrankreich etwa würde den Flug deutlich verkürzen, und Klopapier haben sie da auch.

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