Die Scheinheiligen

Sie lesen alle unsere Briefe. Nicht ganz alle, aber wie viele Briefe schreiben wir eigentlich noch auf Papier? Sie wissen, wann wir von wo mit wem telefoniert haben, und sie speichern es akribisch. Überall installieren sie Kameras, die jeden unserer Schritte überwachen können. Sie kontrollieren, wie viele Zahnbürsten in den Bädern armer Menschen stehen.
Sie durchsuchen die Diensträume eines Pfarrers und verweigern dessen Tochter die Teilnahme an dieser Aktion. Statt dessen bringen sie ihren eigenen unabhängigen Zeugen mit – einen Praktikanten der Staatsanwaltschaft. Nach zwei Jahren haben sie immer noch keine Beweise gegen den Pfarrer gefunden, aber sie denken nicht daran, das Verfahren einzustellen. Sie bringen Leute auf der Grundlage fragwürdiger Gutachten (der Gutachter hatte sein Objekt nie gesehen) auf Dauer in die Psychatrie.
Sie lassen zu, dass Betriebsräte, die sich für ihre Belegschaften einsetzen, mit Psychoterror aus dem Unternehmen gemobbt werden. Sie halten es für rechtmäßig, dass langjährige Mitarbeiterinnen entlassen werden, weil sie ein paar Maultaschen mit nach Hause genommen haben, die sie eigentlich hätten wegwerfen müssen. Sie verfolgen Leute, die Nahrungsmittel aus Müllcontainern nehmen, um sie zu essen.
Sie tun nach Wahlen das Gegenteil von dem, was sie davor versprochen haben. Bestechung ist für bestochene Politiker übrigens nicht strafbar, und falls die politische Karriere klemmt, findet sich immer ein lukrativer Posten in einem Unternehmen, dem man zuvor einen fetten Gefallen getan hat.
Sie führen Kriege gegen Länder, die uns nie angegriffen haben. Sie lassen Menschen erschießen, und sie greifen nicht ein, wenn in Polizeidienststellen Menschen unter zweifelhaften Umständen ums Leben kommen. Sie finanzieren gewalttätige Rassisten und schützen Kriminelle, die mordend durchs Land ziehen.
Und das nennen sie dann einen Rechtsstaat. Und legen viel Wert drauf, dass es der andere nicht war.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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2 Antworten zu Die Scheinheiligen

  1. kussaw schreibt:

    Danke, wieder mal auf den Punkt gebracht.
    Karsten

  2. Max Headroom schreibt:

    Das mantraartige Abspulen von Vorwürfen gegen die DDR und ihre Diffamierung als Unrechtsstaat haben nur ein Ziel: Die Stabilisierung der gegenwärtigen Verhältnisse.
    Du bist arbeitslos? Das war in der DDR viel schlimmer … Du kannst Dir keine Wohnung leisten? Sei froh, daß Du nicht mehr in der DDR … usw. usf.
    All denen, die diesen Staat jetzt für die Beste aller Welten halten, ein Zitat von Edward Bernays ins Poesie-Album:
    „Wenn wir den Mechanismus und die Motive des Gruppendenkens verstehen, wird es möglich sein, die Massen, ohne deren Wissen, nach unserem Willen zu kontrollieren und zu steuern.“

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