Meinungsfreiheit 2014

Lautstark feiern sie dieser Tage die Meinungsfreiheit, und zwar die, die man sich in der späten DDR zu erkämpfen versuchte. Ein Klima der Angst habe da geherrscht, belehrt uns unser Staatsoberhaupt, das jahrelang Privilegien in der DDR genoss und erst auf den Wende-Zug aufsprang, als alle Messen gelesen waren.

Stop-TTIP-Stand der Jenaer Piraten

Stop-TTIP-Stand der Jenaer Piraten. Foto: K. Felske

2014: Wir sammeln Unterschriften gegen TTIP.
„Interessiert mich nicht.“
„Ich habe keine Zeit.“
„Ich bin nicht von hier.“
„Ich habe gerade andere Probleme.“

„Ich habe einen eigenen Garten und bin größtenteils Selbstversorger.“
„Sie wissen aber schon, dass die Bienchen sich nicht an Ihrem Gartenzaun stören und die Pollen von den Gentechnik-Pflanzen nebenan mitbringen würden?“
„Belehren Sie mich nicht!“

„Ich hab da mal was unterschrieben, und dann hatte ich ein Zeitschriftenabo abgeschlossen.“
„Als ich beim Eichplatz unterschrieben habe, kam hinterher Post vom Oberbürgermeister. Das will ich nicht.“
„Ich studiere Politikwissenschaft. Da bin ich mit Unterschriften sehr sparsam. Ich will ja noch Karriere machen, und wer weiß, wer das sieht. Viel Erfolg noch.“
„Ich unterschreibe nichts.“
„Muss ich da wirklich meinen Namen hinschreiben?“

25 Jahre nach den Demonstrationen für Meinungsfreiheit haben Leute Angst, ihre Unterschrift unter ein Bürgerbegehren zu setzen. Oder es interessiert sie einfach nicht, weil sie gerade beim Einkaufen sind. Der Tag ist trostlos und trübe. Wir sehen einander an und schütteln die Köpfe. Angst, Anpassung, Rückzug ins Private. Es fühlt sich an wie DDR.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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4 Antworten zu Meinungsfreiheit 2014

  1. Ein Hirte schreibt:

    Alle krank. Die Menschen sind krank. Über was sich der Normalbürger Gedanken macht, versteh ich schon lange nicht mehr. Derzeit stoße ich mich durch meine gerade schulpflichtig gewordenen Kinder an den unglaublichen pädagogischen Vorstellungen der scheinbar großen Mehrheit. Nebenbei versucht die Wirtschaft mit allen Mitteln, die Erde so kaputt wie möglich zu machen. Mir dreht sich alles und ich explodiere bei der Erkenntnis, das finanzielle Interessen offenbar jeden Menschen korrumpieren – offensichtlicher als dieses Abkommen kann es gar nicht mehr gezeigt werden. Und wie du sagst: Den meisten unserer Mitbürger ist das egal …

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Auch wenn es sich am Sonnabend an unserem Stand ziemlich trostlos anfühlte (5 Leute, 4 Stunden, 66 Unterschriften …), sind insgesamt doch 245.501 Unterschriften zusammen gekommen. Außerdem hat fast eine halbe Million online unterschrieben. Bei einer Zielstellung von 1 Mio. ist das ein ziemlich guter Anfang für ein derart sperriges Thema. Bei 3699 Infoständen bundesweit liegen wir exakt im Durchschnitt.

  2. Inge schreibt:

    Der Grund für das allgemeine Desinteresse ist doch die Flut an Petitionen im Internet, mit denen man schlichtweg nichts erreicht. Ich habe eine Petition gegen befristete Arbeitsverträge in der Wissenschaft unterschrieben, trotzdem gibt mir keiner einen unbefristeten Vertrag. Ich habe unterschrieben gegen die Erhölhung der Haftpflichtbeiträge für Hebammen, gegen die Zerstörung von Radwegen, für die Schulbildung afrikanischer Mädchen und und und… Wen interessiert das? In den Abendnachrichten wird über die Umweltzerstörung geklagt und einen Atemzug später lamentiert, dass die Wirtschaft nicht genug wächst. Die Welt ist so aus den Fugen, dass keiner mehr weiß, womit man noch was bewirken kann. OK, man kann Unterschriften sammeln für sein eigenes schlechtes Gewissen…

  3. Max Headroom schreibt:

    Das ist der Fluch der heutigen Freiheit:
    Man darf alles sagen, weil es sowieso kein Schwein interessiert. Es hört einem keiner zu.
    Also schadet es auch nicht … und nützt ebensowenig …

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