1989

Abriss Ost - die Trümmer meines Arbeitsplatzes mit dem ältesten Hochhaus Deutschlands im Hintergrund, Jena 1992

Abriss Ost – die Trümmer meines Arbeitsplatzes mit dem ältesten Hochhaus Deutschlands im Hintergrund, Jena 1992

Im Frühjahr 1989 hatten wir eine unglaubliche Entdeckung gemacht: Wahlen hießen deshalb so, weil man die Wahl hatte. Wir schauten uns die Kandidaten der Nationalen Front (klingt heute, als könnte es unmöglich so geheißen haben) aus der Nähe an, wir diskutierten mit ihnen, wir bildeten uns Meinungen. Es war ein SED-Genosse, der in der Debatte mit dem damaligen Oberbürgermeister Hans Span im FDJ(!)-Studentenclub die Frage stellte, wie denn eine gültige Nein-Stimme aussehe. Es war eine unerhörte Frage, aber er war Wahlhelfer – und mutig. Die Clubleitung wurde tags darauf bei der staatlichen Leitung einbestellt, um den Vorfall zu diskutieren.
Wir wählten. In DDR-Wahllokalen gab es Wahlkabinen, in denen man völlig ungestört und unbeobachtet Dinge tun konnte, es gab Kugelschreiber, und sie schrieben sogar. Das weiß ich deshalb, weil ich es im Mai 1989 ausprobiert habe. Am Abend des Wahltages feierten wir uns, weil um die 20 % in unserer Wahlurne (ein Gemisch aus Mathematik-, Chemie- und Physikstudenten) mehr oder weniger Kandidaten gestrichen hatten. Das Wahllokal war so voll, als gäbe es Freibier. Übrigens blieben die Theologen der Wahl mehrheitlich fern, während angehende Juristen und Mediziner wie immer ihren Zettel vor aller Augen gefaltet und eingeworfen hatten. Wir waren einen Tag lang stolz auf uns und auf unsinnige Weise glücklich.
Dass man uns den bescheidenen Sieg nicht gönnte – der das Wahlergebnis kein Stück verändert hätte – war eine Kriegserklärung für uns, die wir gerade angefangen hatten, die Verfassung der DDR zu lesen und ernstzunehmen. Ich habe den Aufruf des Neuen Forums verteilt. Heute, da ich weiß, was für intolerante Besserwisser aus vielen der Erstunterzeichner geworden sind, ist mir das ein wenig peinlich.
Im November 1989 war ich eine der jüngsten Mitarbeiterinnen im Forschungszentrum bei Carl Zeiss. Wo ich am 09. November gewesen bin? Auf dem Klo, mit ziemlicher Sicherheit sogar mehrfach. Es war, wenn ich mich recht erinnere, ein ganz normaler, nieseliger Novembertag. Ich arbeitete mich durch die Akten eines Kollegen, der durch einen Herzinfarkt ausgefallen war, und sie waren das Chaos an sich. Weil die allgemeine Besoffenheit, die man im Fernsehen zu diesem Tag verbreitet, so gar nicht zu meinen Erinnerungen passen wollte, wühlte ich die alten Tagebücher vor.
Mein jüngeres Ich berichtet von Skepsis und Verunsicherung. Praktisch täglich änderte sich die Welt. Ich hatte nie den Wunsch verspürt, ausgerechnet das Land namens BRD zu besuchen. Mit Schottland oder Griechenland sah das anders aus.
In den folgenden Wochen erlebte ich, wie viele, die gestern noch stramme Verfechter des Sozialismus in den Farben der DDR gewesen waren, plötzlich kein gutes Haar mehr an ihr finden konnten – und eigentlich schon immer dagegen gewesen waren, selbst beim Wahlzettelfalten. Heute sagt man, sie seien in der DDR halt unterdrückt worden. Aber vielleicht waren sie immer nur gewissenlose Karrieristen, die ihren Mantel in den jeweils vorherrschenden Wind hängten. Vielleicht hatten sie nie ein Problem damit, die  erwünschte Meinung zu haben. Mich ekelte das an.
Alle fuhren in den Westen und kamen mit Bananen und BILD-Zeitungen wieder. Ich konnte nicht fassen, dass man das tatsächlich als Zeitung verkaufte. Ich hatte Angst vor dem, was noch passieren würde.
Ein Jahr später war ich arbeitslos, und niemand wollte eine Physikerin im besten Gebäralter einstellen. Manchmal hasse ich es, recht zu behalten.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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2 Antworten zu 1989

  1. Max Headroom schreibt:

    Die Charakterlosigkeit vieler „Opfer“ der DDR, die sich heute hochjubeln lassen und deren einzige „Leistung“ es früher war, auch das Maul gehalten zu haben, erinnert an den alten Witz mit der Prostituierten vor Gericht: „Ja, Herr Richter, als er nicht bezahlen wollte, habe ich erst gemerkt, daß ich vergewaltigt worden war!“
    Das Charakteristische an Abschaum ist, daß er immer oben schwimmt. Auch in jeder Gesellschaft.

  2. Ossiblock schreibt:

    So habe ich das auch empfunden.
    LG

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