Nichts Neues im Osten

Banská Štiavnica, Befreiungsdenkmal

Banská Štiavnica, Befreiungsdenkmal

Der Zug fuhr pünktlich. Das gab mir zu denken. Aber sonst war alles wie immer.
Am nächsten Morgen schien beinahe die Sonne. Ich lief durch die Stadt. Die Leute kauften ein. Obwohl es kalt war, waren die Straßen voll. Alle Läden waren geöffnet. Auf dem Markt drängten sich die Buden des Weihnachtsmarktes. Die ersten Durstigen tranken Glühwein.
Ein einzelnes Polizeiauto fuhr herum. Später las ich, man habe befürchtet, es könnte eine Aktion von Hausbesetzern geben. Vor genau einem Jahr hatten sie ein seit langem leerstehendes Haus besetzt. Seither ist es vernagelt und verrammelt. Niemand wurde verhaftet.
Wie immer zum Weihnachtsmarkt waren die Parkplätze knapp. Der Vekehrsfunk meldete störungsfreien Verkehr auf der Autobahn. Die Flucht nach Westen schien auszubleiben.
Im Supermarkt gab es noch immer Bananen, und ich musste noch immer mit Euro bezahlen. Aber die Radieschen waren schon wieder alle. Genau wie letzte Woche.
Als ich meine Wäsche aufhängte, die ich morgens in einem Anfall von Optimismus in die Maschine geworfen hatte, verschwand der letzte Rest von Blau vom Himmel.
Es war alles wie immer. Und dabei hatte man in Erfurt gerade eine kommunistische Diktatur errichtet.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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5 Antworten zu Nichts Neues im Osten

  1. Inge schreibt:

    Die Zeit titelt „Ramelow entschuldigt sich für DDR-Unrecht“. Wo leben wir denn? Wieso entschuldigt sich ein West-Linker dafür, dass senile Betonköpfe und Karrieristen im Osten eine an sich gute Idee zur Sau gemacht haben?! Und warum müssen die, die in diese Partei eingetreten sind und sie weitergeführt haben, um etwas von dieser guten Idee zu retten, nach 25 Jahren noch als Sündenböcke herhalten?!

    Dass nur ein Polizeiauto in Jena herumfuhr, lag vermutlich daran, dass alle anderen in Dresden waren. Hier ist die böse, demokratie- und meinungsfreiheits-feindliche Anti-Pegida-Blockade-Demo auf wundersame Weise in Wochenfrist zu einer wohlgelittenen offiziellen Kundgebung aller möglichen Institutionen und Vereine mutiert. Wieso habe ich plötzlich keine Lust mehr, hinzugehen, wenn mich CDU-Oberbürgermeisterin und Landesvati dazu aufrufen?

  2. Inge schreibt:

    Als ich gestern obigen Kommentar schrieb, fragte ich mich, was Ramelow eigentlich mit Dresdner Demos zu tun hat. Heute klärte mich die Lokalpresse auf: Das Dresdner Amtsgericht beantragte zwecks Strafverfahrens die Aufhebung der Immunität des Abgeordneten – Ramelow hatte an einer Anti-Neonazi-Demo in Dresden teilgenommen, 2010, als das noch böse war. Am Ende ist er nur Ministerpräsident in Thürigen geworden, um sich der Strafverfolgung in Sachsen zu entziehen. Dafür sollte er sich aber wirklich mal entschuldigen…

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Abgeordneter war er aber vorher schon. Ich glaube, immuner kann man auch als Landesvater nicht werden.
      In der Debatte hat man aber wirklich das Gefühl, es geht gar nicht mehr um Politik, um das Niedriglohnland Thüringen, um Fracking, der Verfassungsschutz und was nicht noch alles, sondern einzig und allein darum, wie wir künftig DDR-Unrecht in den Lehrplänen verankern und den Stasi-Behörden auf Lebenszeit gut bezahlte Posten sichern. Haben wir keine anderen Probleme mehr?

  3. Max Headroom schreibt:

    Diese Debatte gibt es, WEIL wir eine Menge anderer Probleme haben. Zur Ablenkung!
    „Alle Kriegshandlung beruht auf Täuschung.“ (Sun Tsu, Die Kunst des Krieges) oder auch
    „Im Osten lärmen, im Westen angreifen.“ ( http://de.wikipedia.org/wiki/36_Strategeme )

  4. Pingback: Aus der kommunistischen Enklave | Heidrun Jänchen – Aurora schießt quer

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