Ermutigt einander!

Wer funktioniert und konsumiert und immer schön aufpasst, dass er nirgends aneckt – der braucht keinen Mut. Der lebt ruhig, aber irgendwie auch langweilig. Und kann man wirklich stolz drauf sein, täglich auf dem Sofa gesessen zu haben?
Die Einladungen zu diversen Lobbyveranstaltungen kommen seit Mai mehrmals die Woche. Inzwischen bin ich erleichtert, wenn ich mehrere Termine an einem Tag habe, weil ich mir dann gleich das schlechte Gewissen sparen kann. Diesmal aber sagte ich zu.
Die Guerilla Art Kids stellten ihre Projekte in der Stadt vor und luden sich Politiker zum Diskutieren ein. Außer mir waren Torsten Wolf (MdL Linke), Friedrich Wilhelm Gebhardt (SPD), Sten Lindner (Grüne) und Tim Wagner (FDP und Stadtelternbeirat) da. Aber erst einmal zum Thema. Die Street Art Kids setzen auf Yarn Bombing. Sie benähen und befilzen Dinge, um ihre Botschaften in den öffentlichen Raum zu bringen, oder sie nageln ihre Throw away Bilder auf hölzerne Rahmen und stellen sie irgendwo auf. Mit Genehmigung übrigens.

Eichechse - Jena, Johannisstraße

Eichechse – Jena, Johannisstraße

Die Eichechse (eigentlich die ungeliebte Skulptur „Tiere Tore“) soll darauf hinweisen, dass es im Jenaer Zentrum keinen Ort gibt, wo junge Leute einfach mal mit Freunden zusammen sein und Dinge tun können. Für mich war das eine verblüffende Erkenntnis. Die armen Neubauviertel haben ihre Jugend- und Sozialzentren. Das Zentrum hat Kino, Volkshaus, Shopping Zentren und Kneipen aller Art, aber nicht mal einen gescheiten Spielplatz.
Die Debatte war durchaus spannend, egal ob es nun um Strompreise, WLAN für Schüler oder rauchfreie Bushaltestellen ging. Seltsamerweise gelang es den anderen Politikvertretern, nach dem offiziellen Ende zügig zu verschwinden, während ich noch einen Packen Sorgen und Probleme mitnehmen durfte. Warum sind die meisten Schüler so gleichgültig? Was tun gegen Mobbing? Warum darf man nicht mal am Wochenende auf dem Pausenhof der Schule Ball spielen? Wieso steht auf der Schnellstraße die blöde Fußgängerampel? Was kann man gegen Raser an Fußgängerüberwegen tun? Wie kommt man nun zu Räumlichkeiten?
In meiner Naivität hatte ich angenommen, man könnte es mit einem Einwohnerantrag versuchen. Ab 14 darf man einen Antrag an den Stadtrat stellen, wenn man 300 Unterstützer findet. Ich dachte, das kann kein Problem sein. Ist doch schließlich das ureigenste Anliegen. Oder?
Doch da schlug mir ein altbekannter Frust entgegen: Die anderen engagieren sich nicht. Wer weiß, ob da jemand unterschreibt, und dann haben die meisten auch noch Eltern … Ja, das hatte ich angenommen. Aber wo ich Unterstütuzung vermutet hätte, befürchteten die jugendlichen Guerilleros, dass man es ihren Klassenkameraden ausreden würde. Bloß nicht auffallen. Augen zu und durch.
Was zum Teufel ist mit dieser Gesellschaft los, wenn schon Jugendliche zwischen 13 und 16 so desillusioniert sind?
Aber tatsächlich machen sie mir Mut, während ich ihnen Mut zu machen versuche. Sie mischen sich ein, sie texten die Erwachsenen zu, sie regen sich auf. Es sind wenige, ja, aber es gibt sie. Also sagte ich ihnen, dass es nie einfach ist und man manchmal Erfolg hat und manchmal nicht, aber dass man es versuchen muss.
Ihr da draußen, die ihr euch einmischt und an der Trägheit eurer Mitmenschen verzweifelt – sagt einander, wie wichtig es ist, wach und aktiv zu sein. Klopft einander gelegentlich auf die Schultern, statt euch zu streiten, weil irgendwas nicht perfekt war. Wir sind alles, was wir haben.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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2 Antworten zu Ermutigt einander!

  1. javlauf schreibt:

    Hat dies auf javlauf rebloggt.

  2. Pingback: Sparpäckchen zu Weihnachten | Heidrun Jänchen – Aurora schießt quer

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