Moi aussi

Je préfère mourir debout que vivre à genoux.
Stéphane Charbonnier

Rafael Mantesso

Rafael Mantesso

Eigentlich wollte ich etwas über Kritikintoleranz in schweren Fällen von Monotheismus schreiben. Aber statt dessen musste ich ins Erzgebirge fahren, um ein paar hochkomplizierte Frästeile gerade noch rechtzeitig einzusammeln. Unterwegs hatte ich viel Zeit, Radio zu hören. Und zu denken.
Als der Nationalsozialistische Untergrund aufflog und eine Fernsehsendung den Geburtsort der Terroristen, meine Heimatstadt Jena, zu einem ausländerfeindlichen, braunen Nest stempelte, da regte sich die Bevölkerung völlig zurecht auf. Denn die Jenaer geben sich alle Mühe, weltoffen, tolerant und naziunfreundlich zu sein. Nein, so waren wir nicht.
Der NSU und die Attentäter von Paris sind Arschlöcher aus der gleichen Gussform. Sie haben in ihrer perversen Menschenfeindlichkeit mehr gemeinsam, als sie zugeben würden, wenn sie noch könnten. Sie stehen weder für Jena noch für die Moslems an sich.
Die Leute von CharlieHebdo waren respektlos, provokativ, manchmal geschmacklos und ziemlich weit links. Sie legten sich mit allen an. Blasphemische Cartoons zum Christentum stehen denen zum Islam in nichts nach.
Ich glaube, die Gerichtsmediziner haben mit der Redaktion ihre liebe Mühe, denn obwohl noch nicht im Grabe, rotieren die die Toten wohl schon wie Hochleistungsturbinen.
Nikolas Sarkozy befindet: „Notre democratie est attaqué“ – unsere Demokratie wurde angegriffen. Marine Le Pen vom Front National fordert die Wiedereinführung der Todesstrafe. Pegida ruft ihre Anhänger auf, mit Trauerflor zu erscheinen. Pegida, das sind die, die mit Kreuzen in schwarzrotgold demonstrieren. Sie scheißen sich ins Hemd aus Angst vor Moslems, die sie nicht kennen, und wollen ausgerechnet die CharlieHebdo-Redaktion vereinnahmen. Kaum vorstellbar, dass Chefredakteur Stéphane Charbonnier damit einverstanden gewesen wäre, zum Märtyrer der verunsicherten Besitzstandswahrer gemacht zu werden.
„Ich werde lieber aufrecht sterben, als kniend zu leben“, sagte er 2012 der Le Monde. Da hatte es gerade einen Brandanschlag gegeben. Er war jedenfalls kein Feigling, und was er trotz der Morddrohungen gemacht hat, das hat er, das haben sie, für die Freiheit des Wortes getan. Sarkozy jedenfalls war ein Lieblingsfeind der Redaktion.
Die Reaktionen der Politiker kamen so eilfertig, dass man sich fragt, ob es nicht noch mehr Gemeinsamkeiten mit dem NSU gibt, ob dieser Anschlag nicht irgendjemandem prächtig ins Konzept passt. Es gibt immer ein paar Gesetze zu verschärfen, wenn man den Leuten ans Eingemachte will. Die Attentäter sind passenderweise tot, ein Dritter hat sich freiwillig gestellt … Kommt uns das bekannt vor?
Die Redaktion von CharlieHebdo hat sich geweigert, Angst zu haben. Das ist das Erbe, dass sie uns hinterlassen. Merci, garçons. Moi aussi, je suis Charlie.

„Es ist nicht unsere Absicht zu schockieren. Die Muslime sind bereit, über sich selbst zu lachen. Wenn man ihnen das nicht zutraut, tut man den Extremisten einen Gefallen.“
Stéphane Charbonnier

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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