Nach Osten 4.3: Komplizierte Nahrung

CN_essenInzwischen habe ich mich an alles Mögliche gewöhnt. Gelb-weiß gestreifte Klöße, deren quietschorangenes Innenleben mir als „crab“ vorgestellt wird. Hoffe ich jedenfalls. Könnte auch „crap“ heißen … Schmeckt undefinierbar nach irgendwas. Suppe, die man mit Stäbchen isst. Meine beinahe reflexhafte Frage „What is it?“ wird ohnehin meistens mit Schulterzucken beantwortet. Manchmal helfen Online-Wörterbücher. Was ist das? Pak Choi. A-ha. Das grüne Zeug, dass mich an vegetarische Kraken erinnert mit seinen schlabberigen Tentakeln, schmeckt übrigens ganz gut. Dinge, die leuchtend grün sind, sind in aller Regel in Ordnung. Bei Würfeln oder ähnlich unorganischen Formen in Violett, Rosa oder graubraun ist dagegen Vorsicht geboten. Meistens frage ich mich, wie jemand auf die Idee kommen kann, derlei freiwillig zu essen und auch noch dafür zu bezahlen.
Das mit den Stäbchen geht nach den ersten fünf Minuten, in denen ich mich wie der Depp vom Dienst fühle, auch ganz gut. Geviertelte Chicorée-Stauden erledigt man, indem man erst einmal das Strunkstück abbeißt. Am besten geht man dabei sehr nahe an den Teller, auch wenn das für den normalen Europäer nicht sehr elegant aussieht. Die Stäbchenesserei funktioniert ohnehin nur, wenn man die europäischen Tischsitten vergisst. Die unkontrolliert auf den Teller fallenden Einzelblätter lassen sich dann ganz gut greifen. Klebreis lässt sich hervorragend essen, solange man nicht versucht, ihn in irgendeinen Geschmacksträger einzuweichen. Dann zerfällt er sofort in Einzelkörner. Also entweder das geschmacklose Zeug im Originalzustand runterwürgen oder Körnchen jagen und hinter den chinesischen Tischgenossen hoffnungslos ins Hintertreffen geraten.
Heute hat man es aber wirklich übertrieben. Da bekam ich in der Kantine ein halbes Omelett mit Grünzeug drin. Na gut, das kann man zur Not in Stücke rupfen, wenn man die Stäbchen auf zwei Hände verteilt. Die Chinesen schaffen das auch mit einer Hand. Ich übe noch. Doch die Krönung war ein ausgewachsenes Brätel. Kein Messer. Keine Gabel. Aber nach 30 Jahren Exil in Thüringen lässt man sich von einem Brätel nicht in die Flucht schlagen. Im Gegensatz zu meinem chinesischen Kollegen habe ich es bewältigt, ohne den halben Tisch in Bratensoße zu baden. Na also.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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