Nach Osten 4.5: Abenteuer des Schienenstrangs

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Kunshan_Bhf

Von Yuyao nach Shanghai fährt man am besten mit dem Zug. Spannend wird es, wenn der Lieferant eine Packung Linsen vergisst und man deswegen zu spät vom Hof fahren kann. Pünktlich zur Abfahrtszeit standen wir vor dem Bahnhof – und der Zug fuhr ab. Würde einem in Deutschland so nicht passieren, denn da sind Züge nicht pünktlich.
Plan B: anderer Zug. Es gibt keine Platzkarten mehr, denn es ist Freitagnachmittag, und sämtliche Wochenpendler sind unterwegs. Der Zug erinnert deshalb an beste DDR-Zeiten: Man drängt sich im Zwischenraum zwischen den Wagen und wird in regelmäßigen Abständen von der Frau mit dem Imbisswagen in das Regal mit den Trinkwasserkanistern gedrängt.

chinesischer Hochgeschwindigkeitszug

chinesischer Hochgeschwindigkeitszug

Aber ich greife vor. Nicht nur, dass man zum Fahrkartenkauf den Pass vorlegen muss – ehe man in den Bahnhof kommt, muss der Koffer aufs Gepäckband und der Passagier durch die Sicherheitsschleuse. Und da geht der Ärger los. Das Taschenmesser ist ordentlich im Koffer verstaut. Aber es ist ein Taschenmesser, und im Zug hat man Zugriff auf seinen Koffer. Am Ende wird das Messer unter dem Namen meines Kollegen in einer Kladde erfasst, doch ich darf es mitnehmen. Vor einiger Zeit gab es einen Zwischenfall, bei dem Männer mit Messern auf Leute in einem Zug losgingen und etliche umbrachten. Seither darf man auch im Koffer kein Messer haben, es sei denn, es ist ein multi purpose knife. Das ist meins, denn es ist zum Brotschneiden ebenso geeignet wie zum Zerlegen von Objektiven, und auch zum Einschlagen des Zugfensters im Falle eines Unfalls wäre das massive Ding zu gebrauchen. Aber diese Argumentation bringe ich lieber nicht vor.
Dummerweise übersieht mein Kollege, dass wir in Hangzhou hätten umsteigen müssen. Da sind wir schon in DeQing, wo auch immer das ist. Raus aus dem Bahnhof, Fahrkarte zurück nach Hangzhou kaufen, wieder rein in den Bahnhof. Neue Sicherheitskontrolle. Ich habe gelernt und das Messer zum Rest meines Werkzeugs gepackt. Zwischen einem Satz Imbusschlüssel, Schraubenzieher und Skalpel scheint es ganz natürlich zu wirken. Kein Mensch regt sich auf. Ich verrate niemandem, dass man mit dem 0.9er Imbus dank seinem Griff auch Leute umbringen könnte, wenn man denn wöllte. Vom Skalpell ganz zu schweigen.

Hangzhhou, Bahnhof

Hangzhhou, Bahnhof

Der Bahnhof von Hangzhou ist so neu, dass man vom Eingang aus noch die abrückenden Bauarbeiter sehen kann. Größer als der Flughafen von Leipzig und erheblich vornehmer als der von Frankfurt. Er ist ein Palast. Man gönnt sich ja sonst nichts, zum Beispiel keine Krankenversicherung für Wanderarbeiter. Noch eine Sicherheitskontrolle. Keine Beanstandung.
Am Bahnhof von Shanghai HaiHong erstreckt sich die Taxi-Warteschlange bis zum Horizont. Da es wegen des Umwegs über DeQing inzwischen spät geworden ist, beschließe ich, die Metro zu nehmen. Das ist nicht komplizierter als ein Taxi, finde ich heraus, auch wenn man fünf Stationen vorm Ende umsteigen muss und der Wagen danach so voll ist, dass man nicht mal in Ohnmacht fallen könnte. Ohnmacht ginge, fallen nicht. Die Metro kostet 8 RMB, das Taxi 200 RMB. Ich frage mich, warum wir eigentlich immer Taxi fahren. Es geht kein Stück schneller, und die Metro steht jedenfalls nirgends im Stau.
Anderer Tag, anderes Land. „Der Zug nach Leipzig über Fulda ist heute 10 Minuten später. Grund dafür ist eine verspätete Bereitstellung.“ Das hört sich an, als würden die Züge jeden Morgen frisch geliefert und aus der Frischhaltefolie gewickelt. Ich bin wieder zu Hause.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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2 Antworten zu Nach Osten 4.5: Abenteuer des Schienenstrangs

  1. Max Headroom schreibt:

    Zitat:“… eine Packung Linsen vergisst …“
    Ja, es ist schon schlimm, wenn man so an seinen Hülsenfrüchten hängt, daß man deswegen sogar Züge versäumt …

  2. Heidrun Jänchen schreibt:

    Sind ja nicht irgendwelche Linsen. Die kosten 2DollarIrgendwas pro Stück. Und außerdem waren die beim Zoll angemeldet, da kann ich nicht einfach ohne auftauchen, sonst denken die, ich habe die unverzollt aufgemampft …

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