Daten im Frühling

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Ich erinnere mich noch gut an die Anfangszeit der Eichplatzdebatte, in der immer wieder ein Einzelhandelsgutachten auftauchte, das angeblich den Bedarf an einem weiteren Einkaufszentrum belegte. Es konnte nur im Dezernat 3 eingesehen werden und durfte auf gar keinen Fall wörtlich zitiert werden – wegen des Urheberrechts. Jean Winkler marschierte hin und las, und stellte erstaunliches fest: Das Ding war zehn Jahre alt und belegte bei etwas Nachdenken genau das Gegenteil von dem, was behauptet wurde.
Später im Stadtentwicklungsausschuss führte Stadtarchitekt Matthias Lerm ein neues Einzelhandelsgutachten als Beleg für den Bedarf an – einsehbar in der Amtsstube. Ich war da, das Gutachten nicht. Es existierte einfach nicht. Man tröstete mich mit dem Nahversorgungskonzept, das sich mit Butter und Windeln beschäftigt, nicht mit Textil- und Elektronik-Filialisten.
Als die geballte Weisheit der Eichplatz-Gutachten endlich dem Ausschuss zugänglich gemacht wurde, war es genau 50 Stunden vor der Sitzung, in der sie behandelt wurde. Es waren über 200 Seiten. Und falls jetzt einer denkt, vier Seiten pro Stunde seien kein großes Ding – 16 Stunden von den 50 musste ich arbeiten, weitere 15 schlafen, und ab und zu sitzt man auch auf dem Klo.
Letzter Höhepunkt der Informationsverweigerung: Das Gutachten zu einem Schulneubau wurde dem Stadtrat schon nach 18 Monaten zur Verfügung gestellt. Da wollte man den Bauplan ändern, weil genau die Bodenbeschaffenheit zu Mehrkosten von 5 Millionen Euro geführt hätte.
Durch meine Auseinandersetzung mit der städtischen Bürokratie habe ich gelernt, was Herrschaftswissen ist. Studien, die keiner kennt, kann man nach Lust und Laune interpretieren – oder gleich selbst erfinden.
Deshalb haben wir eine Beschlussvorlage an den Stadtrat eingereicht, dass alle im Auftrag der Stadt erstellten Studien innerhalb von zwei Wochen nach Eingang zu veröffentlichen sind.
Es gab ein bisschen Gezerre darum: Verweis in den Hauptausschuss, ein Gutachten des Rechtsamtes, das Mäuerchen baute, Kosten, Aufwand … Aber letztlich fiel unserer wackeren Koalition kein wirklich guter Vorwand ein, das Ding zu kippen, ohne das Gesicht zu verlieren. Nur der Fraktionschef der Grünen spielte die eingeschnappte Leberwurst und warf uns Bürgertäuschung vor, weil es Dinge gibt, die natürlich nicht veröffentlicht werden dürfen. Das amtsärztliche Gutachten zur Langzeiterkrankung des städtischen Müllmanns Max Mustermann etwa. Das wollen wir aber gar nicht, und wer lesen kann, weiß das.
An der Mehrheit änderte die letzte Dreckwerf-Runde nichts, auch wenn sich SPD und Grüne der Stimme enthielten. So viel Glasnost ist denen unheimlich. Ab sofort beginnt die Open-Data-Zeit in Jena. Und die Sonne scheint schön wie nie über der Stadt. Frühling. Tauwetter.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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3 Antworten zu Daten im Frühling

  1. Inge schreibt:

    Über das Thema könnte man ein Buch schreiben. Science Fiction vielleicht. Mist. Douglas Adams war schneller. Wo lagen gleich nochmal die Baupläne für die galaktische Hyperraum-Expressroute?

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Ich weiß gar nicht, wie oft ich genau an diese Szene gedacht habe. Zum Glück musste ich mich nicht im Schlafanzug vor die Bagger werfen.
      Schön fand ich auch eine Szene im letzten Stadtentwicklungsausschuss:
      Mein sachkundiger Bürger äußert unter „Sonstiges“ seinen Verdruss darüber, dass man die Stellungnahme der Oberen Bodenbehörde nur auf dem Amt einsehen kann, statt die Datei per Mail zu bekommen.
      Antwort des Dezernenten: Man habe eine Elternabend zum Thema durchgeführt, auf dem alle Fragen beantwortet wurden. Er sollte endlich aufhören, Ängste zu schüren. „Das reicht jetzt auch mal.“
      Wenn ich das schreiben würde, würden alle denken, ich hab’s mir ausgedacht. Aber ich bekam bei diueser Gelegenheit auch noch einen Rüffel: Meine Tastatur klappert zu laut. Die sollen mir noch mal mit ihrem „papierlosen Stadtrat“ kommen!

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