Keine Wahlwerbung: Zielgruppe verfehlt

Hier kommt eines meiner beliebten Bilderrätsel: Wofür wirbt wohl das untere Plakat?
Liebe_Deine_Stadt
Ich wusste die Auflösung leider schon, ehe ich das erste davon zu sehen bekam. Zunächst waren sie übrigens ohne die weiße Banderole. Vielleicht sollten sie neugierig machen. Aber auf mich wirkten sie eher wie Werbung für den Muttertag oder irgendeine Schlagerparade – so angepasst, brav, langweilig. Hinzu kommt, dass das Blau beim Druck absolut abgesoffen ist und mit dem hellen Jena-Blau nichts gemeinsam hat.
Zur Auftaktveranstaltung „Leitlinien für die Bürgerbeteiligung“ waren inklusive Presse keine hundert Leute anwesend. Zieht man Presse und Verwaltung ab, waren es vielleicht 50 oder 60. Eins kann man den Jenaern eigentlich nicht vorwerfen: dass sie sich nicht einmischen würden. Trotzdem traf man fast ausnahmlos die üblichen Verdächtigen. Ja, Clemens und Frank waren natürlich auch da, aber auch die anderen üblichen Verdächtigen: der gesamte Stadtentwicklungsausschuss, ein paar andere Politiker, ein Großteil der BürgerAG Eichplatz, die junge Gewerkschafterin, der Bursche von der Open Knowledge Foundation … Also im Grunde die, die man immer trifft, wenn in der Stadt irgendwas passiert.
Die Eichplatz-AG hatte sich selbst per e-Mail aktiviert. Wenn niemand sonst da war, dann ging die Werbung wohl an der Zielgruppe vorbei. Die beteiligungswütigen Bürger mögen vielleicht keine Schlager. Hätte ich das Plakat machen müssen, wäre es anders ausgefallen: brutal kontrastreiches Schwarz-Weiß-Rot, Buchstaben in groben Pinselstrichen und MISCH DICH EIN! Der Untertitel wäre auch weniger hölzern ausgefallen. „Arbeite mit, plane mit, regiere mit!“ wäre ebenfalls ein schöner Ansatz mit einem ironischen Dreh für die DDR-Bürger unter uns.
Nach einer kurzen Einführung erwies sich die Veranstaltung als World Café: Man zog von Tisch zu Tisch und kritzelte auf das „Tischtuch“ seine wüsten Gedanken zum jeweiligen Tisch-Thema. Eigentlich sollte man auch diskutieren, aber das Volksbad* hallt viel zu sehr, um zu verstehen, was am anderen Ende des Tisches gesprochen wird. An zwei Tischen wurde der Bürger gleich auf Linie gebracht, wenn er etwas zu falschen Thema sagen wollte. Ordnung muss sein in der Liebe! Und bloß keinen Zweifel daran äußern, dass einen die Stadt auch zurückliebt.
Am Ende stand x-mal „EICHPLATZ“ auf den Tischdecken, aber ebenso, dass man die erklärte Meinung der Bürger auch umsetzen müsste. Was daraus wird? Wer weiß. Wahrscheinlich wird man es katalogisieren, eine tolle Präsentation daraus basteln – und nicht umsetzen.
Zu denken gab mir, dass die fast bürgerfreie Bürgerbeteiligung von einer „neutralen“ Moderatorin geleitet wurde, die sich bei näherem Hinsehen als sachkundige Bürgerin der Grünen im Werkausschuss des Eigenbetriebes Kommunale Immobilien Jena erwies. In Jena gibt es keinen Filz. In Jena gibt es Moospolster.

* Für Nicht-Jenaer: Aus dem Bad hat man vor geraumer Zeit das Wasser abgelassen, um den Leuten keine Alternative zum Spaßbad zu lassen.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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