Mit Eselsohren vor der Tür

Eichplatz_032015Ich bin in barbarischen Zeiten aufgewachsen, in denen man in der Schule notorische Störenfriede in die Ecke oder vor die Tür stellte, damit sie in Ruhe darüber nachdenken konnten, was sie gerade falsch gemacht haben. Im Asterix-Band „Wie Obelix als kleiner Junge in den Kessel fiel“ (oder so ähnlich. Den habe ich auf Französisch gelesen) muss der Delinquent dazu eine Mütze mit Eselsohren tragen. Ausgrenzen reicht nicht – man muss auch lächerlich gemacht werden, damit die Lektion sitzt.
Im Moment stehe ich mit Eselsohrenmütze vor der Tür des Rathauses. Nicht allein, aber ich ganz besonders.
Vor einem Jahr hatten die Jenaer entschieden, den Eichplatz, Kirchplatz und die Rathausgasse nicht komplett mit einen Einkaufscenter zuklotzen zu lassen. Das liebe, närrische Nest hatte gezeigt, wozu es fähig ist. In dieser Stadt ist alles möglich, dachte ich, als ich 1983 zum ersten Mal da war. Daran hat sich nichts geändert.
Jetzt zeigt unsere Stadtregierung, dass sie so nicht mit sich umspringen lässt. Seit Wochen läuft die PR-Maschine hoch: „Jena muss auf der Überholspur bleiben“, „Wir laufen Gefahr, abgehängt zu werden“, „Wir kommen in den Ruf, keine großen Projekte stemmen zu können“, „Beim Einzelhandel steht die Ampel auf Rot“. So  weit, so nichtssagend. Wir machen uns extra idiotische Kennziffern, um bei – realistischerweise unausweichlichem – Nichterfüllen in Panik geraten zu können.
Für die Bürgerbeteiligung holt man sich 30 nach irgendwelchen, kaum durchschaubaren Kriterien ausgewählte Bürger zusammen. Viel war von „unbelastet“ und von „frischen Ideen“ die Rede. Man hätte auch sagen können: Bürger ohne tiefere Sachkenntnis, die sich von Experten beeindrucken lassen (die nach meiner Erfahrung je nach Lage das Blaue vom Himmel zusammenlügen). Die Experten sind die gleichen wie vor einem Jahr, gänzlich unbelastet natürlich.
Die Bürgerinitiativen allerdings stellt man vor die Tür. Es ist ein Signal. Während mit viel Gelaber „Neue Wege der Bürgerbeteiligung“ zusammengeschustert werden, stellt man eines klar: Wer sich beteiligt, wird bei nächstbester Gelegenheit kaltgestellt. Wer gar erfolgreich ist, verliert das Recht, sich zu beteiligen. Nur wer den Arsch nicht vom Sofa kriegt, der darf mitmachen, denn der stört nicht. Bürgerbeteiligung geht nur mit Bürgern, die kein Interesse daran haben.
Es ist durchaus verwunderlich: Die Verlierer bestimmen, wie es weitergeht und wer mitreden darf.
Ich stehe mit Eselsohren vor der Tür. Aber he – da sehen sie nicht, was ich tue. In Katalonien ist der Esel Symbol des Widerstandes, und die Narrenkappe verleiht Narrenfreiheit. Sie werden schon sehen, was sie davon haben.

Advertisements

Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
Dieser Beitrag wurde unter Jena, Politik abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Mit Eselsohren vor der Tür

  1. Holger Herrmann schreibt:

    Du bist eher der „Kleine Muck“ und die Eselsohren tragen ganz andere.
    Ich glaube, die Bürger von Jena werden auf einem Neuaufguss der alten Lorke nicht reinfallen.
    Leider sieht es so aus, dass die Anderen ihre Ohren nicht am Herzschlag der Zeit haben.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s