Mehr als schöne Landschaft: Arzachena

Der Führer ist schuld. Fremdenführer rattern gemeinhin ihr Programm herunter, und man merkt ihnen an, dass das Gehirn längst nicht mehr beteiligt ist. Der am Hünengrab von Coddu Veccju bei Arzachena auf Sardinien ist anders. Er fängt zwar mit den lauwarmen Sprüchen für Touristen an (Warum heißt das jetzt Tomba die Giganti? Gab es hier Riesen?), aber es ist, als hätte er den ganzen Tag auf ehrliches Interesse gewartet. Irgendwann klagt er, die Touristen wüssten nur, dass Sardinien über „beautiful nature“ verfügt. Das tut es, aber das ist nicht alles.

(zum Vergrößern anklicken)
Bei Italien und historischen Monumenten denkt der normale Mensch an Tempel und Arenen, vielleicht noch an Triumphsäulen und Theater. Aber Sardinien hat noch etwas anderes zu bieten: die Nuraghen-Kultur, angesiedelt irgendwo zwischen 1600 und 800 vor der Zeitrechnung, viel älter als das angebröselte Kolosseum. Die Nuraghier bauten Türme, drei ziemlich hohe Stockwerke hoch, zwölf Meter und mehr. Mitunter bauten sie noch kleinere drum herum, dazu eine Außenmauer und ringförmige Hütten. Besonderheiten der Nuraghen sind die in die Mauer integrierte Treppe und das falsche Gewölbe, auch Kraggewölbe genannt, eine Konstruktion, die den Physiker in Panik versetzt, aber doch teilweise Jahrtausende gehalten hat.
Außerdem haben sie riesige Galerie-Gräber mit recht unbescheidenen Frontmauern gebaut. Man begann mit einem einzelnen Dolmen und baute dann Stück für Stück an. Der Führer legt Wert darauf, dass es nicht die Grabstätten einzelner Häuptlinge waren, sondern die Gräber der ganzen Gemeinschaft. Ebenso wie die Nuraghen nicht eine Burg des Adels, sondern eher ein trutziges Rathaus waren.
Wenn man piktische Brochs und die Wheel Houses auf den Shetlands gesehen hat, ist es unmöglich, die Ähnlichkeit nicht zu sehen. Allerdings war das mit den Pikten gute 2000 Jahre später, und es ist schwer vorstellbar, dass irgendein irrsinniges Volk von Sardinien nach Schottland ausgewandert sein soll. Gemeinsame Vorfahren? Aber wo sind dann die Nuraghi in Deutschland oder Frankreich? In Frankreich hat immerhin das absurde Gewölbe überlebt – bei Hirtenhütten.
Es darf gegrübelt werden, wie die Nuraghi nach Schottland kamen – oder ob man das Rad bzw. den Wohnturm zweimal erfand. Aber eines ist sicher: Es gibt mehr als nur schöne Landschaft auf Sardinien, und gelegentlich gibt es Fremdenführer, die wirklich wissen, wovon sie reden.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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