Suboptimal

Wald
Ob man Kinder einfach so allein in den Wald gehen lassen sollte, fragt die Frau vom mdr, und ich bejahe nachdrücklich. Ich habe Wochen und Monate meines Lebens in den Waldhufen* rings um mein Heimatdorf Mohsdorf zugebracht. Beim Herumdenken denke ich später: Das war natürlich suboptimal. Ich hätte in dieser Zeit etwas Nützliches tun können.
Aber in den 70er Jahren, in Sachsen und auf dem Dorf sah es mit der optimalen Talenteförderung eher trübe aus: keine Fremdsprache ab dem dritten Lebensjahr, kein Klavierunterricht, keine Kunstschule, keine Hochbegabtenförderung in Mathematik und schon gar kein Tennisplatz. Ich war eins der drei Mädels in der Leichtathletik, fuhr alle zwei Wochen einmal zum Mathezirkel in die Stadt – und trieb mich ansonsten herum.
Wir spielten in der Bach (bitte keine Grammatikhinweise – jeder andere Bach ist natürlich männlich, aber nicht die Bach bei uns im Dorf!), kletterten auf Bäume, suchten zwischen Kuhfladen Pilze und futterten Brunnenkresse aus einem Bach (männlich), Sauerampfer, die Maiwüchsel der Fichten und irgendein Zeug, das möglicherweise wilder Knoblauch war. Ich habe mir regelmäßig die Hosen an den Brombeeren zerfetzt, und ich habe mich nach Kräften eingedreckt. Wir zerlegten auch eine Autobatterie, die irgendwer auf einer wilden Müllkippe abgelagert hatte. Letzteres erscheint mir heute bedenklich. Sie war übrigens weniger aufregend als erwartet.
Klingt das nach der optimalen Frühförderung für einen promovierten Physiker? Eher nicht, bis auf die Batterie vielleicht. Zu jener fernen Zeit waren freilich auch noch alle überzeugt, ich würde einmal Zoodirektor werden. Es kam aber auch niemand auf die Idee, den Zoodirektor in mir zu fördern.
„Wir hätten dann vor allem den Weißdorn da im Bild“, sagt die Frau vom mdr.
„Das sind Schlehen“, scheiße ich klug. Ich könnte noch hinzufügen, dass der Dompfaff mit Begeisterung die Blüten abfrisst oder dass man prima Obstwein daraus machen kann – natürlich nach dem ersten Frost.
Wenn man mich optimal gefördert hätte, würde ich nicht mit einem Kamerateam des mdr auf dem Trockenrasen der Ammerbacher Platte sitzen. Denn da reden wir über ein Kinderbuch und über den Wald.

* Das ist eigentlich Blödsinn. Es heißt Waldhufendorf, aber von der Wortherkunft wäre die Waldhufen die Bauernhöfe. Die Restwaldstücken rings ums Dorf heißen in der Gegend „Busch“ und bestehen praktisch nur aus Waldrand. Gerade deshalb sind sie viel spannender als die Fichten-Monokulturen des sächsischen Nutzwaldes.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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2 Antworten zu Suboptimal

  1. Ossiblock schreibt:

    Liest sich fast wie eine Beschreibung meiner Kindheit.

  2. Frank Cebulla schreibt:

    Wie du bin ich „auf dem Dorf“ aufgewachsen. Die Areale meiner Kindheit waren der Hirtenberg, „die große Wiese“, der Drescher (eine alte Dreschmaschine an einer Scheune mitten im Dorf abgestellt) und der Schutt einer Terrakottafabrik. Durch die große Wiese floß der Abwasserbach des Dorfes, durch dessen Betonröhren wir Kinder gern krochen. Selbstredend roch man hinterher nicht besonders gut. Erwachsene waren damals noch nicht so mit sich selbst beschäftigt und besaßen auch keinen Ehrgeiz, uns Kinder schon vor der Schule zu mehrsprachigen, gendersensiblen und mathematikbegeisterten Klugscheißern zu erziehen. Stattdessen fuhren uns die Männer des Mehrfamilienhauses, in dem ich wohnte, mit Schubkarren um die Wette ums Haus oder bauten uns eine Bude auf den Hof, in die man alte Möbel aus dem Keller stellte. Wahlweise musste man auch mal Holzhacken lernen oder Mist in den Garten karren. Wir waren auch viel mit dem Fahrrad im Dorf unterwegs, gründeten Detektivteams und beschatteten Lehrer. Schöne Zeiten, Geld spielte keine Rolle (man hatte sowieso keins) und die Leute saßen vor dem Haus noch bei Bratwurst und Bier und redeten miteinander.

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