Bedrohte Arten: Paternoster

PaternosterAm Montag musste ich von der dritten in die vierten Etage und tat, was ich immer tue: Statt den Umweg über die Treppe zu nehmen, steuerte ich den Paternoster an. Er stand.
Ich nahm an, die jährliche Wartung sei an der Reihe. Doch dann klärte mich ein Kollege auf. Ein Gesetz von Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) erlaubt die Benutzung von Paternöstern nur noch für eingewiesenes Personal. Das erinnert mich an die graue Vorzeit in einem anderen Land, als es in einigen Fahrstühlen aus unerfindlichen Gründen noch Fahrstuhlführer gab, griesgämige Menschen mit einer stupiden Arbeit, die den Sinn für sich durch Autorität ersetzt hatten. Soll jetzt in jeder Paternoster-Kabine ein Paternoster-Führer installiert werden, der über die Einhaltung der Sicherheitsvorschriften wacht? Wohl kaum.
Die beiden Paternoster im Zeiss-Bau 6/70 sind ohnehin nur ein schwacher Abglanz vergangener Herrlichkeit. Im ehemaligen Zeiss-Hauptwerk gab es nicht nur das erste Hochhaus Deutschlands, sondern auch den ersten Paternoster der Firma Otis. Das Forschungshochhaus … Da müsste ich lügen, denn ich weiß nicht mehr, wie hoch das wirklich ist. Aber irgendwas um die 15 Stockwerke konnte man da mit dem Paternoster durchfahren, und oben in aller Gemütlichkeit wenden. Da sah man dann die riesigen Antriebsräder, die das Ding in Bewegung hielten. Vorbei. Dort gibt es jetzt zwei Fahrstühle.
Heute morgen war einer der beiden Paternoster, die nur sechs Stockwerke miteinander verbinden, wieder in Bewegung. Völlig gegen die Arbeitsschutzvorschriften bestieg ich die Kabine mit einem beherzten Sprung, statt brav auf die nächste zu warten. Wer weiß, wie lange uns der letzte Rest von Abenteuer und Gefahr noch erhalten bleibt.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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10 Antworten zu Bedrohte Arten: Paternoster

  1. quzie4 schreibt:

    Ich komme nicht umhin zu bemerken, dieses vom Arbeitsministerium beschlossene Gesetz als Erfolg zu werten. Wenn schon keine wichtigen Sachen zum Erfolg führen, so doch wenigstens die unwichtigen Sachen. Erfolgsmeldungen sind gut für die Statistik, es fragt keiner hinterher worauf der Erfolg beruhte.

  2. Inge schreibt:

    Ich weiß auch nicht, warum immer alles ungefährlich bis zur Idiotensicherheit sein muss. Erinnert mich an unsere Diskussionen zu den historischen Gaslaternen in Dresden, Ich bin beileibe kein sturer Verfechter alles Historischen, aber warum darf es nachts in den Straßen nicht nennenswert dunkler sein als am Tag? Warum darf man auf einem offiziellen Wanderweg nicht selbst darauf achten, dass man nicht irgendwo runterfällt? Der Paternoster war das Highlight meiner ansonsten eher drögen Dienstreise in den Chemiepark Leverkusen, und da mein Gastgeber zu Glück keine Anstalten machte, mich nach Abschluss der Verhandlungen vorschriftsmäßig zum Tor zu begleiten, bin ich noch eine Ehrenrunde gefahren. (Die chinesische Laborleiterin hat sich da übrigens nicht reingetraut – sie hat den neuen Aufzuig gleich um die Ecke benutzt.)

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Inzwischen gibt es Neuigkeiten – nachdem Frau Nahles das Paternoster-Gesetz gemacht hat, setzt sie sich jetzt dafür ein, dass die Länder es wieder aufheben. Nein, logisch ist das nicht. Aber immerhin hat die Zeiss-Geschäftsleitung beschlossen, dass die Mitarbeiter im Gegensatz zu Frau Minister nicht zu blöd zum Paternostern sind. Die Dinger fahren wieder. Und Clemens meint, wir sollten einen Maternostra nennen.

  3. gmr schreibt:

    Schreib bitte nicht, dass du in den Paternoster ‚gesprungen‘ bist – ein Paternoster wird genauso betreten wie eine Rolltreppe – nur dass letztere deutlich unfallträchtiger ist. (Wenn du das nicht glaubst, dann lass mal jemand auf einer Rolltreppe am hinteren Ende hängenbleiben – niemand auf der Rolltreppe ist in der Lage, diese zu stoppen, denn Notschalter sind nur an den Enden.)

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Wenn ich gesprungen bin, bin ich gesprungen. Bei ungefähr 50 cm schnell wachsender Höhe ist mit „betreten“ nix mehr zu holen – da hilft nur noch ein beherzter Hopser. Oder man muss, weil man brav ist, auf die nächste Kabine warten, was ich nie tun würde. Eines Tages werde ich dafür verhaftet.

      • gmr schreibt:

        Nun gut, dann bist du nicht hineingesprungen, weil du es musstest (man tut gerne so, als ob das Betreten eines Paternosters eine sportliche Höchstleistung verlangt), sondern weil du es wolltest. Dagegen lässt sich nichts sagen.

      • Heidrun Jänchen schreibt:

        Aus reinem Übermut und jugendlicher Ungeduld. Man kann auch warten, bis sich das andere Brett genau auf Bodenhöhe bewegt. Das ist nicht schlimmer als Treppensteigen. Aber ich war so begeistert, dass das Ding wieder lief, dass ich lieber gehopst bin.

  4. gmr schreibt:

    Übrigens gab es früher auch einen Paternoster im KWH, im Blauen Bock. Habe ich auch immer sehr gern benutzt.

  5. Ein Leser, der öfter vorbeischaut schreibt:

    es scheint so, als würde sich doch wieder etwas bewegen im Sinne des Paternoster 😉

    http://www.neues-deutschland.de/artikel/975595.endlich-das-paternoster-verbot-soll-wieder-fallen.html

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Die Hoffnung stirbt zuletzt. In einer so relativ unwichtigen Sache nimmt die Regierung vielleicht tatsächlich Vernunft an. Bei uns fahren die Paternöster jedenfalls wieder – mit fetten Warnschildern an der Tür (ja, bei uns stecken die hinter einer Tür).

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