Sozialdemokratische Wohnbaupolitik für bezahlbare Mieten

Diesen Beitrag habe ich für jenapolis geschrieben, weil das Konzept „Wohnen in Jena 2030“, das derzeit im Stadtrat diskutiert wird, gut in vier Worten zusammengefasst werden kann: Marktradikalismus statt sozialer Stadt. Wohnbausteuer

Sozialer Wohnungsbau rechnet sich nicht, wird gebetsmühlenartig wiederholt in Jena. Neubau unter 9 €/m² Miete geht gar nicht. Die Stadt hat die höchsten Mieten im deutschen Osten und einen Leerstand von rund 1 % – das kommt zusammen, wenn eine Wohnung zwischen Aus- und Einzug drei Tage leersteht. Wer daran zweifelt, dass jenawohnen-Projekte im oberen Preissegment die einzig mögliche Lösung sind, wird schnell zum Traumtänzer gestempelt.
Aber es geht auch anders. Wien ist die Metropole mit der höchsten Lebensqualität weltweit, meint die Beratungsgesellschaft Mercer, die 230 Großstädte untersucht hat. Der besondere Vorzug der österreichischen Hauptstadt ist das breite Angebot an bezahlbarem Wohnraum. Das ist nicht durch die Dynamik des Marktes entstanden, sondern durch eine jahrhundertlange städtische Wohnungsbaupolitik.

Wienerbergstrasse

Die Stadt Wien ist der größte Immobilienbesitzer Europas. 220.000 Wohnungen gehören direkt der Kommune, weitere 200.000 wurden von ihr finanziell gefördert und gehören meist Genossenschaften. Zwei Drittel der Einwohnerschaft wohnen in Gemeinde- und geförderten Wohnungen, Miete zwischen 3 und 10 Euro. Die Dämpfung der Preise ist erklärtes Ziel der Politik. Noch immer wird gebaut und renoviert. Jede Woche werden im Schnitt 130 von der Stadt geförderte Wohnungen fertiggestellt.
Das Besondere dabei: Preiswertes Wohnen findet praktisch überall statt. Keine der städtischen Wohnbauanlagen sieht schäbig aus. Weithin sichtbar steht an jeder einzelnen, dass sie von der Stadt Wien im Jahre soundso errichtet wurde. Wohnbaustadtrat Michael Ludwig sagte der ARD dazu: „Die Adresse soll nicht Auskunft geben, was wer verdient, was man sich leisten kann, und da gibt es durchaus Beispiele in anderen europäischen Städten, die für mich nicht nachahmenswert sind.“

WienerbergDie Wohnanlagen, die mitunter ein ganzes Quartier einnehmen, haben mindestens noch eine Grünanlage mit Spielplatz. In andere sind auch Läden und Restaurants im Erdgeschoss integriert. Die Gestaltung ist dem Lobeda der DDR-Zeit nicht unähnlich. Obwohl Wien nicht in ein enges Tal eingequetscht ist, baut man stellenweise hoch hinaus. Zehn, fünfzehn, zwanzig Stockwerke. Die notwendigen Abstandsflächen sind grüner Freiraum, der von spielenden Kindern, Hundebesitzern, Joggern, Liebespaaren … intensiv genutzt wird. In Jena gilt das Damenviertel mit seinen vier bis fünf Stockwerken als Maß aller Dinge, mit dem sich die höchste Packungsdichte an Bewohnern erzielen lässt.
Für die Wiener Erfolgsgeschichte sieht Ludwig politische Gründe: „Es hat eine kontinuierlich sozialdemokratisch geprägte Wohnbaupolitik gegeben, mit dem besonderen Schwerpunkt, kostengünstige Wohnungen anzubieten und auch die soziale Mischung im Auge zu behalten.“
In Anbetracht des Umstandes, dass Jena nicht nur einen sozialdemokratischen Oberbürgermeister hat, sondern auch von einer Koalition aus SPD, CDU und Grünen regiert wird, sollten also beste Chancen bestehen, zu einem aktiven sozialen Wohnungsbau in der Stadt zu kommen – und zwar nicht nur in Lobeda, sondern in der ganzen Stadt einschließlich der „bevorzugten Wohnlagen“.

 

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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8 Antworten zu Sozialdemokratische Wohnbaupolitik für bezahlbare Mieten

  1. Tobias Schäfer schreibt:

    Sehr schön geschrieben. Ist jenapolis auch analog verfügbar? Liest der „Jenaer Bürger“ auch, dass es Menschen gibt, die sich engagieren?

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Jenapolis ist eine reine Internetzeitung und auf toten Bäumen nicht verfügbar, aber ich bin immer wieder fasziniert, wer da alles mitliest. Man kann hoffen.

  2. Ossiblock schreibt:

    Dazu: Heute auf Telepolis ein Beitrag über Hintereingänge…in New York.
    Wien. Da waren damals die Russen. Das wirkt nach.
    Leerstand: Laut FAZ das größte Problem in der BRD. Vor zwei Tagen gelesen.

    Sehr gut geschrieben. LG

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Na, das Wohnprojekt von 1926 kann nicht auf die Russen zurückgehen … Die Wiener hängen offenbar schon länger dem Glauben an, dass bezahlbarer Wohnraum ein Menschenrecht ist.
      Ein paar Kilometer ostwärts von hier ist Leerstand wirklich ein Problem (Gera), aber auf Jena lastet der Fluch des Erfolges. Wir wachsen.

      • Ossiblock schreibt:

        Das war dann doch nach 1917.. 😉 Die Oktoberrevolution hat viel bewirkt.

        In Berlin wächst nichts, außer die Mieten und die Bevölkerung.
        In Vorpommern an der polnischen Grenze durftest du schon vor 15 Jahren 400 Euro für eine 60qm-Wohnung im Plattenbau auf dem Dorf bezahlen. Ohne Konsum, Nahverkehr, Ärzte usw.usf. (Ich bezahle heute in Berlin 380 Euro Miete…)

        Von daher kann ich mir Gera nicht erklären. Doch – da ist keine polnische Grenze.

        Wachstum bringt immer Probleme. Genauso wie kein Wachstum.
        Das kapitalistische Wuchersystem ist in jedem Fall nie gut für die Massen. Es ist eine elitäre Bereicherungsgesellschaft.

  3. Inge schreibt:

    Dresden hat seine kommunale Wohnungsgesellschaft verkauft, um seine Schulden abzahlen zu können. Jetzt wird über eine neue diskutiert. Eher unwahrscheinlich, wenn, wie zu befürchten, ein FDP-Mann zum Bürgermeister gewählt wird.

  4. Karsten Kruschel schreibt:

    Das geht alles zurück auf das rote Wien, und die haben das echt durchgezogen: https://de.wikipedia.org/wiki/Rotes_Wien

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