Ich bin nicht grün!

Auswandernde Götterbäume in Wien.

Auswandernde Götterbäume in Wien.

Wenn ich darüber rede, mit welchen Themen ich mich im Stadtrat so herumschlage, fragt nach einiger Zeit ganz bestimmt jemand: „Bist du bei den Grünen?“
Weil die Leute immer noch annehmen, die Grünen hätten irgendwas mit Naturschutz, Ökologie und Bürgerbeteiligung zu tun. Aber in Jena sind sie für fair gehandelten Kaffee und die Aufstellung von Ampeln und Tempo-30-Schildern zuständig. Oder sie kaspern mit dem Agenda21-Beirat herum, der zu jeder Nachfrage sagt, die Datenlage sei zu schlecht – aber keine Sekunde an seinen Schlussfolgerungen zweifelt.
Wir sind anders. Wir tun Dinge. Bis gestern habe ich bei jeder passenden Gelegenheiten Eichplatz-Blumen gegossen (heute endlich 7.8 l/m² Regen in Jena!). Ich mähe Zackenschoten oder steche sie aus. Ich habe im Garten ein verrücktes, hummelfreundliches Biotop. Und ich schreibe Beschlussvorlagen.
Mit 15/0490-BV wollten wir die Stadt verpflichten, keine invasiven Arten mehr zu pflanzen. Unser Stadtarchitekt hat eine beunruhigende Vorliebe für Robinien und Götterbäume, die dafür bekannt sind, auszuwandern in die Natur und da Kolonien zu bilden. In Wien wurde der Götterbaum Mitte des 19. Jahrhunderts zur Seidenraupenzucht eingeführt. Seither wuchert er. Überall kann man sehen, wie er in Grünflächen auswandert, Straßenböschungen zuwuchert und am Gehwegrand durch den Asphalt wächst. An den Ufern der Donau schreitet man inzwischen zur Vernichtung. Das kostet eine Menge Geld.
Während auf Ahorn-Bäumen mehr als 60 Schmetterlingsarten leben (haben die Bayern gezählt), schmeckt der Götterbaum (Ailanthus altissima) exakt dem Ailanthus-Spinner, den man mit ihm zusammen eingeschleppt hat. Der Rest der Fauna wendet sich angeekelt ab.
Das Bundesnaturschutzgesetz sieht die Vernichtung invasiver Spezies vor. Das Bundesamt für Naturschutz führt eine Schwarze und eine Graue Liste von Arten, die unsere Ökosysteme bedrohen – und eine Liste der „Hotspots der biologischen Artenvielfalt“, zu denen auch das Jenaer Stadtgebiet gehört.
Ist das für die Jenaer Grünen ein Anstoß, dem Pflanzverbot zuzustimmen? Nein. Der Fraktionsvorsitzende erklärt, man sollte mit solchen Dingen sehr langsam und wohlüberlegt umgehen und auch die Vorteile sehen. Aber er begreift noch nicht einmal den Unterschied zwischen „fremd“ und „invasiv“. Der absolut nicht einheimische Kaktus auf dem Fensterbrett ist völlig harmlos und denkt nicht dran, Orchideenwiesen zu bewuchern.
Der grüne Stadtentwicklungsdezernent warnt vor Fundamentalismus. Es ist zum Totlachen! Die Grünen nennen Naturschützer, die den Empfehlungen eines Bundesamtes folgen, Fundamentalisten. Grüne Fundamentalisten. Mich erinnert das unheimlich an die Debatten zum Klimawandel. Die ersten Warner waren Spinner und Panikmacher – und Grüne. Heute gibt es staatliche Notfallpläne zum Klimawandel.
Nicht alles, was schön aussieht, hat für das Ökosystem irgendeinen Wert. Ökosysteme sind hochkomplizierte Gleichgewichte, die man durch kleine Eingriffe kaputtmachen kann. Erst stirbt eine Pflanze, dann ein paar Insekten, die sich von ihr ernährten, und dann verschwindet plötzlich eine Singvogelart. Ich frage mich, wie jemand die zahllosen Beispiele von ausgerotteten Arten nicht sehen und die Schrift an der Wand ignorieren kann.
Ich brauche unbedingt ein Piraten-T-Shirt, damit die Leute endlich merken, dass Piraten Blumen in Grünanlagen gießen, während die Grünen im Café ökologisch korrekten Milchkaffee trinken und von Nachhaltigkeit schwafeln.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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6 Antworten zu Ich bin nicht grün!

  1. Ein Hirte schreibt:

    Heidrun, es wäre zum Totlachen, wenn es nicht so entsetzlich frustrierend, beunruhigend und Angst einflößend wäre. Was treibt diese Menschen dazu, sich Tatsachen und dem gesunden Menschenverstand zu verschließen?

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Mutmaßlich die reine Rechthaberei. Kann ja nicht sein, dass diese Piraten daherkommen und ein urgrünes Thema auf den Tisch hauen. Ich habe das Gefühl, mindestens der Fraktionsvorsitzende hat eine Piraten-Allergie.
      Aber so schnell geben wir nicht auf. Immerhin habe ich da tatkräftige Unterstützung von der Uni, und das Bundesamt für Naturschutz spanne ich auch noch ein.

  2. Ein Hirte schreibt:

    Daumen hoch!

  3. Holger Herrmann schreibt:

    Am Mittwoch den 24.Juni um 20.15Uhr läuft im Fernsehen auf 3sat ein 45minütiger Beitrag: „Invasion der Pflanzen“ und daran im Anschluss „Kreuzzug gegen fremde Tiere“
    Auch TV kann bei der eigenen Meinungsbildung von Nutzen sein.

    • Ossiblock schreibt:

      Ich habe es gesehen. War sehr interessant. Danke für den Tip.
      @Heidrun
      Erfrischend, wie Du ein paar Lebenslügen der Grünen anpackst. 😉

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Danke für den Hinweis. Am MIttwoch war ich um diese Zeit zwar auf der Autobahn irgendwo auf Höhe Aachen, aber inzwischen habe ich den Beitrag aus der Mediathek angesehen. Auch der Götterbaum, ein Liebling unseres Stadtarchitekten, hat seinen Auftritt. Vielleicht sollte man den Bericht mal an unsere Grünen schicken.

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