Sprachmurks: Heteronormativität

Auch Heterosexualität - am falschen Ort betrieben - erregt Aufmerksamkeit.

Auch Heterosexualität – am falschen Ort betrieben – erregt Aufmerksamkeit.

Es gibt Leute, bei denen weiß man schon nach den ersten drei Sätzen, dass man sich auf sprachlich vermintem Gebiet bewegt. Zum Beispiel würden sie einen Satz wie den vorstehenden nie formulieren. Denn irgendein Schlaukopf hat herausgefunden, dass „Leute“ abwertend ist. Als ich das zum ersten Mal hörte, muss ich sehr belämmert dreingeschaut haben. Es war wie in der 6. Klasse, als das Wort „Schwanz“ plötzlich mit dem größten denkbaren Tabu belegt war.
Aber von Schwänzen sprach der Mensch nicht, obwohl es um Sex ging. Statt dessen berichtete er über Lehrer-Innen-Weiterbildung. Es dauerte eine Weile, bis mir aufging, dass er keinen Binde- sondern einen Unterstrich gesprochen hatte und die Bildung nicht durch den Magen ging.
Dann erklärte er, wie seine Gruppe das Wort „queer“ definiert. Das ist recht kühn, denn das Wort hat ja schon eine allgemein anerkannte Bedeutung. Man stelle sich vor, da komme einer daher und definiere das Wort „Tischkasten“ neu. Aber bei Worten mit Migrationshintergrund kann man sich die mangelnde Sensibilität leisten. „Queer“ jedenfalls definiert man als „die Heteronormativität hinterfragend“.
Während meine Finger mit „Heteronormativität“ kämpften, dachte mein Sprachprozessor: Das ist Unfug. Wenn wir Synonyme für „Normativität“ wie „Rechtswirksamkeit“ und „Gesetzeskraft“ gleich wegen Abseitigkeit aussortieren, bleibt als Bodensatz „Verbindlichkeit“ übrig. „Hetero“ ist dagegen einfach: verschieden. Was man infrage stellt, ist also die Verbindlichkeit der Verschiedenheit. Na, kommt mir noch mal mit sexueller Vielfalt, wenn ihr mit Verschiedenheit ein Problem habt!
Davon abgesehen scheint mir, man verwechselt da Normativität mit Normalität. Wenn 5 bis 10 % der Bevölkerung nicht heterosexuell sind (das „sexuell“ ist wichtig), dann heißt das im Umkehrschluss, dass es 90 bis 95 % sind. Es ist also eine erfolgversprechende Annahme, dass der Mensch vom anderen Geschlecht ein potentieller Sexualpartner ist. Das hat nichts mit Diskriminierung zu tun. Unsere äffischen Verwandten, die man sicher nicht mit katholischer Sexualmoral bearbeitet hat, halten es ebenso. Wir nehmen auch an, dass rote Kirschen reif und lecker sind, grüne aber eher nicht. Diskriminieren wir Kirschen? Äh, ja, denn „diskriminieren“ heißt auch nichts anderes als „unterscheiden“.
In Deutschland wird, wenn man nicht gerade in einer stockkatholischen bayrischen Kleinstadt lebt, Sexualität nicht ernstlich normiert. Mehr oder weniger darf jeder, wozu er Lust hat, solange alle Beteiligten alt genug und einverstanden sind. Vielleicht kichert jemand oder guckt komisch. Das ist eine normale Reaktion auf eine ungewohnte Situation, und mangelnde Coolness ist etwas anderes als bösartige Diskriminierung. In der erwähnten Kleinstadt ist man als Atheist auch asozial. Es ist zweifellos ein Vorteil, heterosexuell zu sein – schon weil es mehr potentielle Partner gibt -, aber es ist ebenso wenig wie die Körpergröße ein Vorteil, den man sich unfair erschlichen hat. Inzwischen gibt es im Fernsehen homosexuelle Kriminalkommissare, und das Fernsehen bestimmt mehr als alles Andere, was normal ist.
Normativ scheint mir eher die Forderung, alle und jeder möchten doch bitte mal ihre sexuelle Orientierung hinterfragen, auch wenn 80 % der Bevölkerung nie im Leben irgendein Problem damit hatten.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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