Bedrohte Arten: Presse- und andere Fotos

Der Eichplatz in Jena - von der EU zensiert

Der Eichplatz in Jena – von der EU zensiert

Manche Dinge, die man hat, bemerkt man erst, wenn sie einem jemand wegnehmen will. Die Panoramafreiheit zum Beispiel. Bis ungefähr vorgestern hätte ich noch nicht einmal gewusst, was das ist – heute sehe ich mich genötigt, sie vehement zu verteidigen.
In Deutschland kann man Gebäude und Kunst im öffentlichen Raum beliebig fotografieren, solange man sich selbst im öffentlichen Raum aufhält. Die Fotos kann man beliebig weiterverwenden – fürs private Fotoalbum, fürs Weblog, für die Presse oder für Postkarten. Das ist nicht überall in Europa so, und die EU ist nicht etwa auf die vernünftige Idee gekommen, die liberale Regelung auf alle auszuweiten, nein, statt dessen soll sie iin Deutschland eingeschränkt werden. Das könnte heißen, eine kommerzielle Verwendung wäre nur noch mit Zustimmung des Urhebers des Gebäudes (des Architekten also) oder des Künstlers möglich. Falls die Rechte ähnlich wie bei Büchern geregelt sind, dann kann man sich noch 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers mit dessen Erben herumschlagen.
Ein Foto von einer Kranzniederlegung vor dem Buchenwalddenkmal? Tja, der Künstler ist mutmaßlich tot. Wer hat die Rechte inne? Eine Demonstration in der Jenaer Innenstadt? Praktisch überall hat man Gebäude im Hintergrund, deren Copyright noch nicht abgelaufen sein dürfte. Das wird schwierig für den Fotojournalisten. Und einfach so den Jenaer Marktplatz für eine Postkarte ablichten? Da werden Lizenzgebühren fällig – entweder für das scheußliche Papageienhaus oder die dazu passende Neue Göhre oder den Stadtspeicher. Einzig auf der Südseite könnte man Glück haben, aber da hat man dann den Hanfried, den Gründer unserer Universität, ärschlings drauf. Auch nicht schön.
Auf meinem Blog gibt es eine Menge Fotos. Ich finde, mit einem Artikelfoto kann man dem einen oder anderen Post noch einen besonderen Kick geben. Fast alle Fotos habe ich selbst gemacht. Etliche zeigen Graffiti – von denen in der Regel niemand weiß, wer sie urgehoben hat. Ich gebe an, wo das Foto entstanden ist, wenn ich nicht mehr über das Objekt weiß. Geht mich die Panoramafreiheit etwas an? Vielleicht. WordPress schaltet gelegentlich Werbung unter meine Texte. Damit finanzieren sie den Speicherplatz. Die tun das nicht aus Menschenfreundlichkeit, sondern weil sie damit Gewinn machen. Nicht ich, aber WordPress. Im Moment kann keiner sagen, was das für mich und die Panoramafreiheit heißt.
Klar ist: In Deutschland gibt es ein fröhlich sprießendes Abmahnwesen. Es sind in der grauen Vorzeit schon Computerhändler abgemahnt worden, die die Größe der Disketten in Zoll und nicht in Zentimeter angegeben hatten. Schon mal von 8.89 cm-Disketten gehört? Nein? Daran sieht man, wie sinnvoll derartige Abmahnungen sind – aber sie werden nicht aufhören, ehe nicht die ersten Abmahnanwälte von den Laternen baumeln, weil sie ein zu gutes Geschäft sind.
Deshalb hilft nur eins: Wehret den Anfängen! Change.org hat eine Online-Petition aufgesetzt, aber eine Mail an den nächsten verfügbaren EU-Abgeordneten kann auch nicht schaden. Ansonsten gibt es Fotos künftig nur noch mit schwarzen Balken und Zeitungen als Textwüsten. Und auf diesem Blog nur noch Naturfotos.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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