Besser als Bäume

Zum ersten Mal begegnete mir das Phänomen in einem Fitnessstudio, das auch ein Solarium im Angebot hatte. Da hing ein Poster, auf dem ausführlich beschrieben wurde, warum Solariumslicht viel besser ist als Sonnenlicht. Kurz gefasst: Wer täglich zehn Minuten auf der Solariumsbank liegt, hat ein viel geringeres Hautkrebsrisiko als jemand, der zehn Stunden am Tag im Freien arbeitet.
Ein Wort dafür fand ich später in einem amerikanischen Supermarkt. Da gab es „Better Than Egg“, eine Art Milchtüte mit künstlichem Eiweiß, in dem viel weniger Cholesterin war als in natürlichen Hühnereiern – und vermutlich auch weniger Eiweiß. Die Natur hat Jahrmillionen an ihren Produkten herumgefeilt. Das Ei ist, wie es ist, weil es dem Kücken* einen guten Start ins Leben sichern soll, mit richtig viel Energie. Wem das zu viel ist, der könnte das mit einer Salatgurke kompensieren, in der überhaupt kein Eiweiß ist.

(anklicken, um die Galerie zu öffnen.)
Neuerdings steht in Jena auf dem Ernst-Abbe-Platz ein Better-Than-Tree, der eigentlich „CityTree“ heißt. Der Ernst-Abbe-Platz ist der Innenhof des ehemaligen Zeiss-Werkes, und er ist an Trostlosigkeit nur schwer zu übertreffen. Da man in der Tiefgarage auf Pflanztöpfe für Natürliche Bäume verzichtet hat, gedeihen nur ein paar etwa zwei Meter hohe Bonsais, in deren Schatten sich im Sommer die Menschen drängen. Also so zwei bis drei Menschen; mehr passen nicht hin.
Der CityTree ist eine Art senkrecht stehender Balkonkasten, nur viel, viel ausgefeilter: mit einem Tank für Regenwasser, Solarzellen, um das Wasser energieeffizient herumpumpen zu können, einem metallenen Gestell und einer Bepflanzung aus Steingartenpflanzen und Moos. Damit filtert er angeblich mehr Feinstaub aus der Luft als ein natürlicher Baum und bindet Unmengen von CO2, über zehn Jahre gerechnet sogar noch zehnmal soviel!  Das kriegt man mit keiner Linde und keinem Ahorn hin. So ein CityTree ist ein Wunder moderner Technik, das mit viel Aufwand an Ressourcen das tut, was ein NaturBaum ohne Sinn und Verstand einfach aus Instinkt macht. Mal ganz davon abgesehen, dass er mit sehr wenig Seltenen Erden auskommt.
Aber eines kann er nicht: Aus den vielen kleinen Pflanztöpfchen des CityTrees kann man sich einen erstklassigen Matrix-Code basteln und damit Links zur eigenen Werbung in den öffentlichen Raum stellen. Sogar von hinten beleuchten kann man die Werbeflächen. Damit bekommen Bäume endlich mal einen Sinn. Außerdem sind sie rechteckig, gut modular zusammenbaubar (gab es einen früheren Vorläufer davon, hieß „Hecke“), werfen kein Laub ab und eignen sich schlecht als Brutplatz für Vögel, die unqualifiziert in Werbebotschaften singen.
Da kann kein NaturBaum mithalten. Kaum versiegelt man dem bis auf anderthalb Meter Baumscheibe allen Boden ringsum, lässt seine Vitalität nach, die Kronen bilden sich unzureichend, und am Ende kann man ihn nur noch fällen, um Gefährdungen zu verhindern. Der grüne Ortsteilbürgermeister von Jena-Zentrum meint denn auch, man sollte die alten Bäume besser fällen und „nachhaltige Bäume“ pflanzen. Vielleicht hat er dabei an Better-Than-Tree gedacht.

* Ja, ich hab begriffen, dass man das neuerdings „Küken“ schreibt, aber in meinem Duden steht das noch als norddeutsche Variante, und ich Österreich ist das Kücken immer noch zulässig. Ich könnte lange Vorträge zum Thema halten.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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16 Antworten zu Besser als Bäume

  1. Tobias Schäfer schreibt:

    Ich liebe es!
    Bin auch schon hin und wieder an dem Ding vorbeigelaufen – mit Zeitdruck meist, ohne einen Gedanken mehr als ein blödes „wasndas“ an den Better-Than-Tree zu verschwenden. Danke für deine Beiträge!

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Wollte ich schon längst geschrieben haben, nachdem man das Ding mit Brimborium eingeweiht hatte, sozusagen als richtungsweisenden Klotz für die langweilige Stadt der Zukunft.

      • Ein Leser, der öfter vorbeischaut schreibt:

        tatsächlich schöner Artikel,
        wir hatten die große Ehre das „Ding“ anzuschauen als es gerade aufgestellt wurde – 2 Tage Arbeit mit 2-3 Leuten … Wer für sowas Geld hat …

  2. Ein Hirte schreibt:

    Ich hab gerade eine Nahaufnahme eines Pixels gemacht. Durfte ich den mit deinem Blog verlinken? Siehe bei mir.

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Aber klar doch. Solange ich nicht auf verfassungsfeindliche, rassistische, sexistische … usw. usf. Seiten verlinkt werde, ist alles bestens – nur der Zustand des Pixels nicht. Wusste gar nicht, dass du dich in Jena rumtreibst. Ich dachte, du sitzt jetzt in der Weimarer-Umland-Provinz.

  3. Inge schreibt:

    Wir sind besser als die Natur. Wir rücken ja auch zu Zeiten des Klimawandels noch jedem CO2-vernichtenden Pflänzchen, das sich erdreistet, an der falschen Stelle zu wachsen, mit CO2-produzierenden Flammenwerfern zuleibe. Und dann lobt das BMBF Projekte aus, die CO2 als Rohstoff nutzen. Hab schon überlegt, ob ich eine Förderung der Pflanzen auf meinem Balkon beantrage, die aus Wasser und CO2 Tomaten produzieren.

  4. Pingback: Besser als Baum? | Schäfer, wie Hirte.

  5. Ein Leser, der öfter vorbeischaut schreibt:

    Also ich weiß echt nicht, derzeit scheint es so, als würden die aller 2 Tage die Pflanzbehälter austauschen … Entweder haben sie gemerkt, dass Jena halt doch etwas wenig Regen abbekommt oder das Ding ist einfach absoluter Schrott.

    Die Annahme, dass dieses schöne Teil mehr CO2 speichert als eine natürliche Umgebung möchte ich als Bodenkundler doch auch herzlich anzweifeln! Es gibt nur ein terrestrisches Ökosystem, was wirklich nachhaltig CO2 speichern kann. Und das sind die Moore – selbstverständlich arbeiten wir hart daran, dass diese in Form von Blumenerde ihr gebundenes CO2 auch wieder schnell abgeben!
    Sollten die Blumentöpfe, welche anscheinend jetzt wöchentlich aus dem CityTree ausgewechselt werden müssen, nicht umgehend in irgendwelchen Mooren versenkt werden, ist ihre CO2 Speicherung bei absolut null. Der Aufwand (die Herren kommen immer mit Auto zum „Baum“), welcher erledigt wird um dieses Ding grün zu halten wird definitiv eine ganz ganz ganz schlechte CO2 Bilianz haben . . .

  6. Heidrun Jänchen schreibt:

    Danke für das Update. Dass man das Ding auch noch jede Woche warten muss, wusste ich gar nicht.
    Aber CO2-Speicher gibt es natürlich auch in Form von Baumstämmen. Da liegt es zwar nicht so lange wie in mammuthaltigen Mooren, aber kann schon mal einige hundert Jahre aufbewahrt werden. Echte Bäume sind also schon in Sachen Biomasseproduktion echt überlegen. Ich würde gern mal die Ökobilanz des Technikwunders sehen. Vielleicht sollte ich als Stadtrat einfach mal dumm nachfragen?

  7. Holger Herrmann schreibt:

    Natur ist und bleibt Natur. Ich habe das Ding noch nicht gesehen. Bei den derzeitigen Wetterverhältnissen und klimatischen Bedingungen auf dem Ernst-Abbe-Platz gebe ich dem Kasten kein Jahr.
    Wer finanziert eigentlich den Kasten??? Es gibt große Stadtbäume in Jena, die ums Überleben kämpfen, weil ihnen das nötige Wasser fehlt.
    Der Kasten erinnert mich an den niederländischen Pavillon auf der Expo 2000 in Hannover.
    Dieser wirkte damals auf mich sehr beeindruckend und verwirrend.
    Er war eine Imitation der Natur, die sich offenbar nicht rechnet für den Betreiber bzw. die Gesellschaft. Die Natur holt sich aber alles wieder zurück. Stück für Stück.
    http://www.monikanikolic.com/image.php?media_id=149777
    http://www.juergen-reichmann.de/welt/expo/expo2000/19393/

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Anscheinend ist es ein CityTree der AOK. So steht es bei jenaTV. Und es soll einen WLAN-Hotspot haben. Das muss ich echt mal ausprobieren … Wäre ja wenigstens ein ganz konkreter Nutzen. Allerdings ist die Bank verglichen mit anderen Jenaer Bänken auch recht bequem und wird gern genutzt.

  8. Holger Herrmann schreibt:

    Hier noch einige Fotos vom Pavillon während der Weltausstellung
    http://www.mvrdv.nl/projects/expo

  9. Augustin schreibt:

    Besser als Bäume… ich lache mich tot!

    Wir sind doch selbst die Natur – wie können wir etwas erschaffen, das besser ist als die Natur selbst (also wir selbst) und erwarten, dass dies keinerlei negative Auswirkungen auf uns hätte?

  10. Oscar schreibt:

    Das ist ein interessanter Vergleich ehrlich gesagt, den man so natürlich überhaupt nicht ziehen kann – aber so funktionieren große Teile der Marketingindustrie nun mal.

    Meiner Meinung nach haben auch z.B. Solarien ihre Daseinsberechtigung. Aber besser als echte Sonne? Tüten-Eier, die besser sind als echte Eier? Ich denke, das kann niemand wirklich ernstnehmen!

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