Physikerinnen mit Krönchen

Das ist natürlich keine Prinzessin, sondern Queen Victoria, die dem Vernehmen nach nicht sehr verzimpert war.

Das ist natürlich keine Prinzessin, sondern Queen Victoria, die dem Vernehmen nach nicht sehr verzimpert war.

Wissenschaftler tun alles Mögliche. Zum Beispiel legen sie Grundschulkindern eine Liste mit Berufen vor und fragen, wie schwierig die wohl sind, ob man sich das zutrauen würde und wieviel man damit verdient. Allerdings in zwei Varianten: In Liste 1 waren die Berufsbezeichnungen durchweg männlich (die Handwerker), in Liste zwei männlich und weiblich (die Handwerkerinnen und Handwerker). Ergebnis: Ist eine weibliche Form dabei, halten die Kinder den Beruf für einfacher, trauen ihn sich eher zu und erwarten eine schlechtere Bezahlung. Daraus schließen die Psychologen, dass man Berufsbezeichnungen immer brav gendern sollte, damit sich mehr Mädchen trauen, naturwissenschaftlich-technische Fächer zu studieren. Mal ehrlich – wer von euch übt den Beruf aus, den er in der Grundschule toll fand? Bei mir wäre das Tierpfleger gewesen, und noch nach der 10. Klasse hätte ich Physik abgewählt, wenn man mich gelassen hätte. Ein Kollege erzählte, sein Sohn sei im Kindergarten nach dem Beruf der Eltern gefragt worden. Lehrerin und Physiker. Hohn und Spott. „Das gibt es gar nicht! Das heißt Musiker!“ Als sei das nicht genug, berichtete er, was der obercoolste Beruf überhaupt ist: Müllwagenfahrer. So viel zum Kenntnisstand der Testgruppe zum Thema der Befragung. Wir können natürlich ab sofort immer „Physikerinnen und Physiker“ sagen und es ein bisschen wie „Prinzessinnen“ klingen lassen. Dann denken all die kleinen Schulmädchen, Physik wäre puppenleicht und würde von wunderschönen Frauen in Flitterkleidern betrieben. Bis zur sechsten Klasse. Da bemerken sie plötzlich und unvorbereitet, dass Physik der böse Bruder* der Mathematik ist, der nicht nur mit Formeln um sich wirft, dass es eine Art hat,  sondern auch mit Dingen herummacht, die meterlange Funken ziehen oder einem gleich ganz um die Ohren fliegen. Denn am glücklichsten ist der gemeine Experimentalphysiker, wenn er irgendwas kaputt machen kann. An dieser Stelle ist klar, dass Flitterkleid und Krönchen fehl am Platze sind. Laborkittel und Schutzbrille sind angesagt, und einfach war gestern. Genderkorrekte Bezeichnungen ändern nichts daran, dass Physik ein Fach für Seltsambegabte ist, die sich 27-dimensionale Räume vorzustellen vermögen und damit leben können, dass Katzen gleichzeitig tot und lebendig sind, mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit. Auch viele Männer kommen damit nicht klar. Die Ausfallrate beim Studium liegt bei 30 %, geschlechtsunabhängig. Weswegen ich meine, man sollte lieber wieder einen Technik-Unterricht einführen und die Abwählerei abschaffen. Manchmal hilft es, zur Beschäftigung mit einer Sache gezwungen zu sein, um sie schließlich gut zu finden. In der zehnten Klasse habe ich noch (aktenkundig) behauptet, Physik liege mir nicht. In der zwölften bin ich aus Überdruss von der Weltliteratur des 19. Jahrhunderts (mit den Themen Ehebruch, Ehebruch und Ehebruch) in den Wahlkurs Digitalelektronik und Festkörperphysik gewechselt, obwohl Gender noch gar nicht erfunden war. Eines lässt die Pressemeldung zum Versuch elegant aus. Bereits im Grundschulalter haben Kinder verinnerlicht, dass Frauenarbeit weniger wert ist. Darüber könnte man mal reden. Hat es eine Lehrerin so viel einfacher als ein Ingenieur, eine Altenpflegerin leichter als ein Zerspaner? Wenn man darauf ehrliche Antworten suchte, käme man mit ein paar zusätzlichen Buchstaben allerdings nicht aus. Dann müsste man Geld ausgeben. * Ich weiß natürlich, dass es „die Physik“ heißt, aber angesichts von weniger als 10 % Frauenanteil in den Matrikeln halte ich das für einen Irrtum von Konrad Duden. Es gibt nur ein Studienfach, das noch männlicher ist, und das ist Elektrotechnik. Hm, jetzt komme ich in Zweifel. Der Maschinenbau ist auch nicht gerade eine Frauendomäne, was man am Namen aber deutlich sieht …

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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4 Antworten zu Physikerinnen mit Krönchen

  1. Ein Leser, der öfter vorbeischaut schreibt:

    bei mir geht der obige Link irgendwie ins Nischts ….

  2. Tobias N. schreibt:

    Das „die Physik“ lässt sich leicht erklären: Es ist eine Ellipse. Ergänzen muss man techne. Die Kunst. Oder Wissenschaft. Oder auch Technik (nie Technologie!). Alles auch im Deutschen noch grammatikalisch weiblich. Die Allegorien der Wissenschaften sind daher ausnahmslos weiblich. So, Klugscheissermodus aus. Irgendwann zahlt sich doch das Graecum aus 😉

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