Vorhölle: Das 4-Sterne-Hotel

MistkuebelIch bin dann mal in Wien. Keine Ahnung, was in der Oper läuft oder wie die Hofburg aussieht. Der Reinraum ist weiß gestrichen und mäßig klimatisiert.
Abends das 4-Sterne-Hotel. Kenne ich seit etwa zehn Jahren. Früher gab es einen Wasserkocher und Teebeutel auf dem Zimmer, Internet und eine Klimaanlage.
Inzwischen ist es teurer geworden. Für 95 Euro die Nacht (Firmenrate) hat man mich in der Dachkammer einquartiert. Drei Lampen mit blickdichten Schirmen verbreiten gedämpfte Finsternis. Dadurch fallen die Flecken an der Wand weniger auf. Das Waschbecken ist vergilbt und hat einen Riss, der Spiegel entwickelt gerade einen Grauen Star.
Wasserkocher gibt es nicht mehr. Dafür liegt eine Bibel im Nachtschränkchen. Wenn das keine Aufmunterung ist! Das WLAN funktioniert tadellos. Allerdings gibt es nirgends eine freie Steckdose. Ich ziehe das Kabel vom Fernseher raus. Das Bild ist ohnehin nicht zu ertragen. Ich glaube, die haben hier nur terrestrisch.
Die Preisliste der Minibar führt nicht weniger als 11 Positionen auf. Im Kühlschrank, der nicht kühlt, stehen zwei Flaschen Wasser. Immerhin konsequent: Die Klimaanlage kühlt auch nicht, sondern blinkt nur leise vor sich hin. Draußen sind 27°C. Wenigstens blinkt das Ding gelb, ist also vermutlich keine Bombe. Andererseits – die würde höchstwahrscheinlich nicht funktionieren. Auch Schlendrian ist tröstlich.
Zum Frühstück gibt es Croissants exakt von 7:15 bis 7:18 Uhr. Für Schinken und Käse ist das Zeitfenster etwas breiter.
Das Faltblatt mit der Gästebefragung fehlt. Das wundert mich jetzt nicht.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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4 Antworten zu Vorhölle: Das 4-Sterne-Hotel

  1. monologe schreibt:

    Da will/muss ich mal ein wenig ironisch werden: wäre dieses Hotelzimmer nicht auch ein Ort für Außerirdische, um unsere Welt kennenzulernen? Oder fehlt dann doch ein buntes Plastiktier in der Ecke, das entspannen, ablenken von der Realität und animieren soll, dem Tier- bzw. Artenschutz zu spenden? Ja, ich weiß; was bliebe sonst, wenns diese „Kunst“ nicht gäbe. Aber das ist es ja –

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Das würde ich dem Außerirdischen nicht antun wollen. Ebensogut könnte man ihn im Kohlenkeller einschließen. In der sehr belebten Straße vor der Kunstschule ist er wirklich besser aufgehoben – jede Menge Homo Sapiens zum Beobachten.
      Ich finde Dinge, die entspannen und die Realität für einen mehr oder weniger langen Moment in Frage stellen, durchaus gut. Nach Stunden auf der Autobahn und in einem stockdunklen Labor darf es gern auch etwas bunter sein. Der Wert von Spaß wird gemeinhin unterschätzt.

  2. monologe schreibt:

    Das ist durchaus verständlich – was Sie betrifft. Was die Aliens betrifft und die Vermittlung eines „realistischen“ Weltbildes, ja, da ist es denkbar, dass man sie nach D geleitet, sie im „Adlon“ übernachten lässt und dann zu den schönsten Orten führt, die es hier so gibt. Wissen Sie noch, was in versch. DDR-Städten aufgeboten worden ist, um dem Erich (mehr noch, wenn er einen Gast mitbrachte) ein Bild von der „Realität“ zu bieten? Erinnern Sie sich an die eilig gestrichenen Fassaden, die Potemkinschen Dörfer? Also da haben Sie meinen Kommentar leider missverstanden.

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Wenn man es so betrachtet, dann müssen wir eine Rundreise organisieren. Aber ein belebter öffentlicher Platz ist in jedem Fall ein besserer Ort als ein trostloses Hotelzimmer, wenn man etwas über Homo Sapiens lernen möchte. Hasselt ist auch nicht die Vorzeigekommune mit goldenen Fußwegen, sondern für Westeuropa ziemlich durchschnittlich, wenn man von kostenlosem Nahverkehr und einem Hang zu öffentlichem Übermut absieht. Sie haben da einen Mangel an Bergen, das sollte nicht unerwähnt bleiben.

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