Nur für Frauen

Die FH Jena hat einen Frauenstudiengang eingeführt, und damit meine ich nicht die Sozialwissenschaft, sondern einen Studiengang Elektrotechnik/Informatik exklusiv für Frauen. Schwachsinn, dachte ich im ersten Moment. Hätte man mir einen Frauenstudiengang Physik angeboten, ich hätte dankend verzichtet und mich in den normalen eingeschrieben. Aber das bin ich, und Widerspruch ist mein dritter Vorname.
Definitiv falsch finde ich die Überlegung, die Mädels könnten Angst vor den besseren Kenntnissen der Jungs zu Studienanfang haben. Das ist rosa Wattebausch-Politik. Aber ein Argument kann ich durchaus nachvollziehen. Als Frau unter Physik- oder Elektrotechnik-Studenten muss man nicht vorsätzlich diskriminiert werden – man ist das natürlicherweise. Mehr könnte man nicht auffallen, wenn man mit einer Rundumleuchte auf dem Kopf herumliefe.

Dumm dreinschauen ist keine spezifisch weibliche Tätigkeit.

Dumm dreinschauen ist keine spezifisch weibliche Tätigkeit.

Ich hatte einen Seminarleiter in Quantentheorie, der sich aus der ganzen Seminargruppe genau zwei Leute merken konnte. Der andere war der Äthiopier. Wir waren in jedem verdammten Seminar fällig, und es war nicht lustig. Die Mitstudenten waren nicht das Problem, aber ich habe kaum eine Lehrkraft erlebt, die (also der, denn weibliche Lehrkräfte habe ich gar nicht erlebt) in der Lage war, das Geschlecht einfach zu ignorieren. Nur die Mathematiker waren da ziemlich nüchtern, was vielleicht daran lag, dass das Geschlechterverhältnis in der Mathematik eher bei 40:60 lag, nicht 10:90.
Mit anderen Worten: Eine junge Frau, die sich für einen solchen Studiengang entscheidet, muss nicht nur den Anforderungen genügen. Sie muss es aushalten, nie zur Menge zu gehören, immer das pinkfarbene Schaf in der Herde zu sein. Wenn sie eine schlechte Note bekommt, dann liegt der geistige Kurzschluss nahe, das hätte etwas mit ihrem Geschlecht zu tun. Als bekämen männliche Studenten nur Einsen und Zweien. Und deshalb funktionieren Frauenstudiengänge in so unweiblichen Studiengängen wie Elektrotechnik vielleicht wirklich. Sie ermöglichen es, normal zu sein. Wenn im dritten Studienjahr Frauen und Männer zusammengewürfelt werden, dann haben die männlichen Studenten den Vorteil, doch ein paar mehr Mädels um sich herum zu haben (derzeit 5 aus 90).
Die kabarettistische Forderung nach „Romanistik ohne Frauen“ geht ins Leere, denn was die Wirtschaft bestimmt nicht braucht, sind noch mehr Romanisten. Sie braucht Ingenieure, und wenn die Hälfte der Menschheit einfach nicht dran denkt, Elektrotechnik zu studieren, dann greift man zu verzweifelten Mitteln. Andererseits ist es für den ganz allgemeinen, gesamtgesellschaftlichen Bedarf vermutlich völlig egal, welche Art von Naturwissenschaften oder Ingenieurskunst die Frauen nun studieren. In der Chemie war das Geschlechterverhältnis dazumal wie in der Mathematik ziemlich ausgeglichen, und im Studiengang Laser- und Optiktechnologie der FH Jena ist ein Drittel Frauen. Vielleicht sitzt das mit den Elektronen ja wirklich auf dem Y-Chromosom. Ich mag die hinterlistigen, unsichtbaren Dinger auch nicht sonderlich.

PS: Nein, im Arbeitsleben ist es anders. Egal wo man anfängt, man ist in jedem Fall der neue Depp oder die neue Deppin, die sich nicht auskennt. Außerdem hat man dann immerhin sein Studium durchgekämpft und weiß, dass man weder für Physik noch Elektrotechnik einen Penis braucht. Geht auch ohne.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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