Mensch geht gar nicht

Dies ist kein Mensch, sondern ein Titan.

Dies ist kein Mensch, sondern ein Titan.

Die Aktuelle Stunde des Jenaer Stadtrates zur Flüchtlingsunterbringung ist ein Schaulaufen für Sonntagsredner. Alle sind sich einig, aber es ist noch nicht von jedem gesagt worden. Im Falle Jena sind alle einig, dass man Flüchtlinge anständig behandeln und unterbringen muss. Das ist schwer genug, denn Anfang des Jahres unterschieden sich die Hochrechnungen um 100 %, und jetzt werden es 220 %. Nachdem immer wieder beteuert wurde, dass man alles tut, um die Situation zu meistern, kommt Katja G. ans Rednerpult.
Sie hat auch nichts Neues zu sagen, aber sie kritisiert die Wortwahl der Vorredner. Mit Ausdrücken wie „Problem“, „Herausforderung“ oder „Schwierigkeiten, denen man sich stellen muss“ würde ein negatives Bild gezeichnet. Wir sollten vielmehr die Chancen sehen und das Glück, die Flüchtlinge kennenzulernen. Als Bereicherung sollen wir das verstehen. Der Klugscheißer in meinem Schädel weist darauf hin, dass Katja G. für eine große gemeinnützige Organisation arbeitet, die auch in der Flüchtlingsbetreuung aktiv ist . „Bereicherung“, wiederholt der Klugscheißer.
Ich erinnere mich an den Auftritt der Amtsärztin vom Vortag. Die Frau machte einen geradezu krankhaft engagierten und trotzdem verzweifelten Eindruck. Ich kenne das. Es ist die Art von Irrsinn, der einen aussichtslose Situationen beherrschen lässt, weil Versagen keine Option ist. Die Ärztin hat das große Glück, Krankheiten kennenzulernen, die sie in Europa für ausgestorben hielt. Alle wieder da. Sie hat die wunderbare Chance, sich mit der Bürokratie herumzuschlagen, die zwar Asylbewerbern einen Übersetzer beim Arztbesuch zubilligt, nicht aber anerkannten Asylanten. Sie hat Angst, einen Fehler zu machen. Wenn nicht bald mehr Personal eingestellt wird, wird sie aus den Latschen kippen.
Dann kommt Katharina K. und watscht die Vorrednerin ab. Nicht nur, dass sie meint, Geld müsste in der Stadt doch reichlich vorhanden sein und darüber sollte man nicht reden. Sie findet es unmöglich, dass wir von Flüchtlingen und Asylbewerbern reden. „Das sind Menschen“, schreit sie uns an, „Menschen!“ Immerhin Menschen „mit einem Fluchthintergrund“.
Ich kenne ja die Theorie, dass man Menschen keinesfalls in Gruppen zusammenfassen darf. Einfacher macht es das auch nicht. Wir sprechen also jetzt von Menschenunterkünften. Von Kosten für die medizinische Behandlung von Menschen. Vom Menschen-mit-Fluchthintergrund-Leistungsgesetz. Von der Unmöglichkeit, die Menschenzahlen für den Winter vorauszusagen.
Ich ahne es: Nicht mehr lange, und irgendein hyperkorrekter Schulmeister wird herausfinden, dass das Wort „Mensch“ unsere pelzigen Verwandten ausschließt und man deshalb korrekterweise von „Wesen“ sprechen sollte, im Notfall von „Wesen mit Humangenen“. Mensch geht gar nicht.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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Eine Antwort zu Mensch geht gar nicht

  1. Klaus schreibt:

    Aua. m(

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