Jenas Klimakonzept und die erschreckend rationalen Bürger

Sommer 2015: Saaletal in Jena

Sommer 2015: Saaletal in Jena

Die Stadt Jena möchte sich ein Klimaschutzkonzept geben. Wer dabei auf Einsichten in Sachen Stadtgrün und Kaltluftströme hoffte, der irrte sich. So konkret möchte man sich mit dem Stadtklima nicht beschäftigen. Es geht eigentlich nur um die Erzeugung von Kohlendioxid, und im Speziellen nur um Kohlendioxid, das von Privathaushalten mit Gas-, Strom- und Benzinverbrauch verursacht wird. Die Industrie spielt keine Rolle bei den geplanten Maßnahmen, obwohl die Sondervertragskunden, also Großabnehmer, 71 % Prozent des Stromes in Jena verbrauchen. Sie sind nicht das Einzige, was unter den ökologisch korrekten Holztisch fällt.
Auch die Logik wird vernachlässigt. Tatsächlich hat man keine Ahnung, wie viele Kilometer der durchschnittliche Jenaer mit dem Auto zurücklegt. Man nimmt einfach an, dass es die gleiche Strecke wie beim durchschnittlichen Thüringer ist. Der pendelt besonders weit zu seiner Arbeit. Wenn der Jenaer mit dem Rad zur Arbeit fährt, beeinflusst das seine fiktive CO2-Produktion kein bisschen. Solange er ein Auto in der Garage stehen hat, ist er nach der Logik der Studie auch mit dem Auto unterwegs. Da geht noch was, finden die Ersteller der Konzeptes. Dabei hat Jena schon heute einen stark unterdurchschnittlichen Pkw-Bestand. Nur die Berliner besitzen noch weniger Autos.
Dass Biogasanlagen wegen des fast unvermeidlichen Entweichens von Methan eine Gefahr für das Klima darstellen, hat sich bei den Autoren ebensowenig herumgesprochen wie der Fakt, dass die Wegwerfgesellschaft für einen großen Teil der Energieverschwendung verantwortlich ist. Im Konzept heißt es, Haushaltsgeräte würden „oftmals deutlich länger genutzt bzw. seltener getauscht als es unter ökologischen und energetischen Gesichtspunkten zu empfehlen ist“ – ungeachtet der für die Herstellung der Geräte nötigen Energie, die beim Wegwerfen vernichtet wird.
Während man die Studie erstellte, befragte man unter weitgehender Geheimhaltung auch die Bevölkerung. Kaum einer bekam es mit, aber trotzdem füllten 281 den Online-Fragebogen aus. Zwar wird im Konzept behauptet, eine „hohe Bewertung in Umfragen und Workshops“ habe bei der Auswahl der Maßnahmen einen Rolle gespielt, aber die tatsächlichen Zahlen erwähnt man lieber nicht. Besonders überflüssig fanden die Bürger nämlich die neu zu schaffende Stelle eines Klimaschutzmanagers und die Schritt-für-Schritt-Kampagne aus dem Dezernat für Stadtentwicklung. Auf die einschlägige Website griffen im ersten Halbjahr 2015 immerhin 645 Bürger zu – also mehr als dreieinhalb am Tag! Die Dringlichkeit der beiden Maßnahmen wurde von den Jenaern mit den Schulnoten 3.46 und 3.55 bewertet. Im Klimakonzept werden sie in Missachtung der Bürgermeinung trotzdem ausdrücklich empfohlen.
Es ist abzusehen, dass der Klimamanager die Jenaer mit neuen plakativen Aktionen und Kampagnen erfreuen wird – bis der letzte verstockte Bürger die letzte Glühbirne ökologisch korrekt entsorgt hat. Das nützt zwar fast nichts, aber man kann sich wunderbar damit beschäftigen, falls man nichts Besseres zu tun hat.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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3 Antworten zu Jenas Klimakonzept und die erschreckend rationalen Bürger

  1. Jenenserin schreibt:

    Top-Beitrag Heidrun !

  2. Realist schreibt:

    1) Bitte mal den Unterschied zwischen Klimaschutz und Klimaanpassung (bzw. Stadtklima) nachlesen und den ersten Absatz überarbeiten.

    2) „ungeachtet der für die Herstellung der Geräte nötigen Energie, die beim Wegwerfen vernichtet wird.“ Den Energieerhaltungssatz kennen Sie als Physikerin hoffentlich.

    3) „aber man kann sich wunderbar damit beschäftigen, falls man nichts Besseres zu tun hat.“ Da kann ich mal zustimmen.

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      1. Alles in der Welt hängt zusammen. Bäume, die in der Stadt Schatten spenden, speichern CO2. Und wenn man nachts vor Hitze nicht mehr schlafen kann, schafft man sich eine Klimaanlage an, die Strom frisst. Hauptsache, man kann wieder schlafen. Weswegen Klimaanpassung und Klimaschutz mehr als ein bisschen miteinander zu tun haben.
      2. Das ist kein wissenschaftliches Traktat, sondern ein Kommentar. Wenn ich es physikalisch korrekt formulieren wöllte, dann dürfte ich auch nicht von „Energieverschwendung“ sprechen. Für den praktischen Gebrauch haben sich Ausdrücke wie „Energieerzeugung“ und „Energieverbrauch“ trotz aller physikalischen Unsinnigkeit bestens bewährt – insofern sind sie effizienter als die physikalisch korrekte Ausdrucksweise. Wenn Sie es ganz korrekt haben wollen: Für die Herstellung des neuen Gerätes muss Energie aufgewendet werden, die je nach Herkunft durchaus mit CO2-Erzeugung verbunden gewesen sein könnte. Der wichtigere Fakt: Am wenigsten Energie wandelt dasjenige Gerät in Wärme um, das man nicht kauft.
      3. Damit kann ich leben.

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