Was vom Osten übrig blieb

Vor 25 Jahren endete nicht nur die DDR. Eine Menge Dinge, die zu DDRig waren, wurden ebenfalls beendet, abgewickelt, beseitigt. Betriebferienlager mitsamt den Betrieben, Pionierhäuser, die Philatelistensparte des Kulturbundes … solche Dinge. Auch der Dorfkonsum.
In der Schorfheide, wo sich Fuchs und Hase Gutenacht sagen, hat ein Ding überlebt, das eigentlich gleich nach dem Palast der Republik auf der Liste der zu vernichtenden DDR-Dinge hätte stehen sollen: die Pionierrepublik „Wilhelm Pieck“ am Werbellinsee. Man hat sie unter Denkmalschutz gestellt, und deshalb steht sie da noch immer, getarnt als Europäisches Jugenderholungs- und Begegnungszentrum. Erstaunlicherweise waren es immer wieder die Mitarbeiter, die den Komplex retteten, weiterführten, umnutzten. Wahrscheinlich dient er deshalb noch immer mehr oder weniger dem eigentlichen Zweck: Erholung und unbeschwerte Tage für Kinder und Jugendliche.
Gebaut wurde die Pionierrepublik Anfang der 1950er Jahre als Erholungsheim für Kriegswaisen. Später, betont die Broschüre zur Geschichte der EJB, wurde sie mehr und mehr zur idealogischen Indoktrinierung genutzt. Da ist es konsequent, dass man sich anschließend dafür feiert, dass man in den letzten Jahren diverse Großereignisse für Religionsgemeinschaften von Buddhisten bis zu Siebententagsadventisten geschaukelt hat. Ganz unideologisch.
Die politisch korrekte Schmähung überschätzt auch die Möglichkeiten, Zwölfjährige zu indoktrinieren. Nein, da gab es keinen Führerkult, und es wurde auch nicht der Krieg gegen den Westen geprobt. Der Pioniergruß lautete „Für Frieden und Sozialismus – seid bereit!“, Frieden vor Sozialismus. Und der Sozialismus bestand für zwölfjährige Thälmann-Pioniere aus vielen Dingen, die man heute Gemeinsinn oder bürgerschaftliches Engagement nennen würde: alten Leuten die Kohlen tragen, in der öffentlichen Grünanlage Unkraut jäten, Altpapier sammeln oder Eicheln für die Tiere im Walde … Kein Pfadfinder müsste sich dafür schämen.
Wilhelm Pieck wurde aus der Pionierrepublik, die nicht mehr so heißt, entfernt. Die Vergangenheit scheint nie existiert zu haben. Aber für die, die es wissen, sieht alles aus wie vor 25 Jahren. Die Plastik „Völkerfreundschaft“ hat die Bereinigung überlebt. Das ist die gute Nachricht.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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3 Antworten zu Was vom Osten übrig blieb

  1. monologe schreibt:

    Auch der IS bereinigt, radikaler mit Sprengstoff.

  2. Zauberer von OZ schreibt:

    Ja die Wunderliche Welt, Frau Jänchen!

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