Wortvorschlag: Migrationsdefizit

correct_wayDaniel hat einen Migrationshintergrund. Er kommt aus Franken. Er ist gut integriert, spricht fast akzentfrei Deutsch und ist Atheist. Er isst sogar Thüringer Bratwurst, ohne über die Überlegenheit der fränkischen zu schwadronieren. Eine Erfolgsgeschichte.
Auf seine Zuwandererschaft angesprochen, erklärt er, er würde künftig lieber von „Migrationsdefizit“ sprechen. Das ist das, was Leute haben, die nie von zu Hause weggekommen sind. Ihr kennt das: Sobald sie die Spitze des heimischen Maibaumes nicht mehr sehen, fühlen sie sich unwohl. Die Bratwurst in der übernächsten Stadt ist ein unerträglich falsch gewürztes Unding. Sollte es sie zu einem Wochenendausflug über die tschechische Grenze verschlagen, finden sie es unerhört, dass der Kellner nur gebrochen Deutsch spricht. Sie zweifeln nicht eine Sekunde daran, dass ihre Art zu leben die einzig mögliche ist.
Meine Großmutter hatte ein ausgeprägtes Migrationsdefizit. Von einem Ausflug nach Polen brachte sie vor allem die Erkenntnis mit, dass die da nicht mal richtige Gardinen an den Fenstern hätten. Mein Großvater hingegen war ziemlich weit migriert, mit einem Gewehr in der Hand. Das ist auch nicht geeignet, Vorurteile abzubauen.
Grundsätzlich aber finde ich, wir sollten etwas gegen das Migrationsdefizit tun. Seit ich in Marseille versuchte, eine fiche d’etat civile aufzutreiben, einen Zivilzustandszettel bzw. einen Existenzberechtigungsschein, hielt ich nie wieder etwas für selbstverständlich. Ich war mit allen möglichen wüsten Befürchtungen in die Millionenstadt am Mittelmeer gekommen. Wunderbarerweise wurden weder ich noch mein Auto ausgeraubt, aber die Bürokratie hielt mich auf Trab. Zwei Wochen vor Ende meiner Zeit als Austauschwissenschaftler bekam ich mein erstes Gehalt. Als ich nach Hause zurückkehrte, wusste ich, dass man mit bruchstückhaften Sprachkenntnissen, einem Stadtplan und Zuversicht praktisch überall auf der Welt überleben kann. Weil überall Menschen leben und sie im Allgemeinen geneigt sind, anderen Menschen zu helfen.
Aus Sicht der Schlurpschnecken von Alpha Eridani sind wir einander verdammt ähnlich, auch wenn es verschiedene Farbschläge gibt, wie die fremden Forscher entzückt festgestellt haben.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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