Himmlischer Gestank – der Götterbaum

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Samenstand des Götterbaumes. Viele halten ihn für eine Esche.

Keine Ahnung, wie der Baum in Europa zu so ehrfürchtigen Bezeichnungen wie „Götterbaum“ oder „tree of heaven“ gekommen ist. Vermutlich ein Übersetzungsfehler. In China heißt das Ding „übelriechender  Baum“. Vielleicht sollte man das mal anpassen, um die Begeisterung für das Gewächs einzudämmen. Der Ailanthus Altissima gehört nämlich zu den erklärten Lieblingsbäumen des Jenaer Stadtarchitekten.
Ökologen hingegen bereitet das Gewächs schlaflose Nächte. Das liegt daran, dass der Götterbaum bis zu einer Million Samen pro Jahr erzeugt, von denen etwa die Hälfte auch keimt. Sie sind leicht und beflügelt und legen bis zu 450 Meter zurück, ehe sie sich eine Stelle zum Keimen suchen. Innerhalb eines Jahres können die Schößlinge 2 bis 3 Meter groß werden, und nach fünf Jahren sind die geschlechtsreif. Wer einmal beobachtet hat, mit welcher Trantutigkeit Ahorne oder Eichen vor sich hin keimen, der weiß, wo das Problem ist: Der chinesische Einwanderer hat schon die dritte Generation produziert, ehe die Eiche auch nur halbwegs wie ein Baum aussieht. Die ersten Eicheln macht sie mit 60 Jahren. Deutsche Gründlichkeit halt. Die Eichel ist ja auch ein Qualitätsprodukt, das die Eiche zum nahrhaftesten Baum hierzulande macht.
Der Götterbaum wird nur vom ebenfalls eingeschleppten Ailanthus-Spinner angefressen, hat dafür aber andere wunderbare Eigenschaften. Er treibt aus den Wurzeln aus, gern auch einmal durch Asphalt. Die längste genetisch einheitliche Population hat man in Südfrankreich gefunden: 120 m lang. Kleine Wurzelstücke, ein Zentimeter mal wenige Millimeter, können auch austreiben und sich zu kompletten Götterbäumen entwickeln. Spannend wird es, wenn man das Ding bekämpfen möchte. Da verhält es sich wie ein gemeiner Drache: Sägt man einen Stamm ab, wachsen drei bis x neue.
Bislang hat sich der Baum weitgehend auf die „urbane Wärmeinsel“ beschränkt, aber im Zuge der Klimaerwärmung wandert er auch ins kühlere Umland aus. In Österreich und Slowenien kann man das heute schon bewundern, In Wien führte man den Götterbaum 1880 ein, um mit seinen Blättern den Ailanthus-Spinner zu ernähren, den man wiederum zur Seidenproduktion züchtete. Das hat nicht sonderlich gut funktioniert, aber dafür hat sich der Baum quer durch die Stadt verbreitet. An jeder Böschung, auf jedem ungenutzten grünen Fleck und aus jeder Ritze im Gehweg wächst ein Exemplar. In der Donauaue bekämpft man die Vorkommen inzwischen, weil sie die einheimische Flora radikal verdrängen.
In Hessen gibt man Jahr für Jahr rund 5 Millionen Euro für Götterbaumbekämpfung aus. Vorwiegend wachsen die Dinger entlang der Bahngleise, wo sie entsprechenden Schaden anrichten. Das allein sollte reichen, um auf weitere Anpflanzungen zu verzichten. In Jena hat man derweil ein Exemplar vor das Phyletische Museum gepflanzt – das die vehementesten Kämpfer gegen invasives Grünzeug hervorgebracht hat.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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4 Antworten zu Himmlischer Gestank – der Götterbaum

  1. Holger Herrmann schreibt:

    Das Bundesamt für Naturschutz verbreitet folgende Erkenntnis:
    „Wegen des weiten Transports der Samen durch den Wind sollte außerdem möglichst alle Pflanzen in einem Umkreis von einigen hundert Metern entfernt bzw. zumindest die samenbildenden älteren Bäume regelmäßig gefällt werden.“
    http://www.neobiota.de/12657.html
    Dann wird der „Götterbaum“ vom Phyletische Museum sicher bald im Jenaer Paradies wuchern.
    Anschließend geht es dann auf der Wärmeinsel Jena munter weiter.

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Ich denke darüber nach, eine Samenstände-Beseitigungs-Aktion zu organisieren. Dummerweise ist das Ding so hoch, dass man schwindelfrei sein muss. Aber es wäre eine Demonstration, wie ernst die Sache ist.

  2. Ein Hirte schreibt:

    Sogar in die Wikipedia ist die Bekämpfungswürdigkeit dieses Eindringlings vorgedrungen. Manche Menschen leiden unter Gehirnleere.

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      In der Schweiz und in Belgien ist der Götterbaum inzwischen verboten. Im Moment hoffe ich, die EU stuft ihn als gefährliche invasive Spezies von europäischer Bedeutung ein. Die Chancen stehen gut.

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