Der Stoff, aus dem die Träume sind: Pappe

Reiseführer sind voll mit Dingen, die man gesehen haben muss. Meist sind die teuer, meist sind es Kirchen, Schlösser und Gemäldegalerien. Viele davon sind einander ermüdend ähnlich. Roter Salon, grüner Salon, blauer Salon, St. Dingenskirchen und vierhundertachtunddreißig Porträts hässlicher Adliger.
Anderes, obwohl originell und unverwechselbar, findet man nur, wenn man frierend durch die Stadt marschiert und einen Ort zum Aufwärmen sucht. Unter der Prager Karlsbrücke etwa das Karel-Zeman-Museum. Es ist ein Museum, in dem erklärt wird, wie Träume gebaut werden. Zeman war ein Pionier. Natürlich wirken seine Tricks mit Matte Paintings, Puppentrick und Pappkulissen in Zeiten der Computeranimation ein wenig angestaubt. Heute geht alles, und die Tricktechnik siegt nicht selten über die Story. Es ist bunter, realer, dreidimensionaler.
Zeman war anders. Er versuchte nicht, Phantastisches wie die Realität aussehen zu lassen. Er erfand eine völlig neue Realität, die aussah, als seien alte Kupferstiche zum Leben erwacht. Selbst die Schauspieler wirken irgendwie, als seien sie nur ein weiterer Trick. Es ist die Zukunft, wie sie gestern war: flügelschlagende Fahrräder am Himmel, aufziehbare Telefone, Ballons und Unterseeboote, die wie Fische aussehen.
Ich wusste nicht, wie lebendig diese absurde Welt in einem Hinterstübchen meines Gehirns war, bis ich dem U-Boot mit den Paddelfüßen leibhaftig gegenüber stand und nicht wusste, ob ich lachen oder heulen sollte oder besser beides. Das U-Boot lebt, und es paddelt durch ein Aquarium im Museum. Ach ja, es ist nicht größer als ein Wasserball, und es ist aus Pappe, so wie Berge, Paläste, Maschinenräume, Kanonen, Saurier, Menschen, Monde – eigentlich die ganze Welt. Es ist das gute U-Boot, denn natürlich haben alle Gefährte einen Charakter.
Filmschnipsel erklären, wie aus all der Mogelei eine eigene Welt wurde, Schauspieler Steine auf nichtexistente Saurier warfen oder feuriger Nebel eigentlich rote Farbe in einem Wasserbassin war.
Meine Lieblingsszene ist eine ganz und gar phantastische: Eine Batterie Kanonen wird abgefeuert, und die Kugeln fallen lustlos aus den Rohren auf die Erde. Schöner war Krieg noch nie. Karel Zeman, sagt seine Tochter, ließ nie eine Gelegenheit aus, den Krieg lächerlich zu machen. Ein schöner Zug. Davon brauchen wir mehr.

 Bild anklicken, um die Galerie zu öffenen.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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