Sprachlicher Stolperstein: nordafrikanische Männer

Seit die Beschreibung zum ersten Mal aufgetaucht ist, stolpere ich darüber. Nordafrikanisch – ich höre vernehmlich die Gangschaltung im Gehirn – ach ja, die sind nicht schwarz da, das sind Araber. Das erste Bild vor dem inneren Auge wird durch ein zweites ausgetauscht, das auch nicht recht passen will. Ich frage mich: Könnte ich einen Äqypter von einem Syrer unterscheiden, einen Libyer von einem Türken? Im Dunklen? Unter Stress? Äh, nein. Auch nicht an einem sonnigen Sonntagvormittag beim Eisessen im Park. Mir fehlt einfach die Erfahrung, die es mitunter erlaubt, einen Tschechen von einem Franzosen oder Spanier zu unterscheiden.
Wie wahrscheinlich ist, dass jemand nach einem Überfall meint, die Täter seien gewiss aus Tunesien oder Marokko gekommen, Herkunftsländern, die unter den Ausländern in Deutschland eher selten sind? Nordafrikanisch ist ganz offenbar ein Wort, das gesagt wird, um etwas anderes nicht zu sagen. Ein Platzhalter für etwas unbequemeres.
Ebenso frage ich mich, wem organisierte Massenüberfälle in mehreren deutschen Großstädten eigentlich nützen. Der AfD ganz offensichtlich, aber ich kann mir nicht vorstellen, wie sich Björn Höcke als Nordafrikaner tarnt, echt nicht. Syrer sind inzwischen dazu übergegangen, in der Fußgängerzone Blumen an Frauen zu verteilen und sich für etwas zu entschuldigen, was sie nicht getan haben. Einer der Angreifer soll ja behauptet haben, Syrer zu sein. Okay, denke ich, ich kann auch alle Tage behaupten, Marsmensch zu sein. Es sollen auch gestohlene Handys „in unmittelbarer Nähe von Flüchtlingsheimen“ geortet worden sein. Ich wohne weniger als zweihundert Meter von einer Gemeinschaftsunterkunft. Macht mich das zu einer Syrerin? Vermutlich nicht. Und überhaupt sind die Syrer diejenigen, die von einem derartigen Gewaltausbruch am allerwenigsten haben, was sie selbst – siehe oben – klar erkannt haben.
Wer immer die Sache organisiert hat, er macht am ehesten die Arbeit des IS. Natürlich können unter einer Million Flüchtlingen auch IS-Leute sein, auch welche aus Syrien, denn das steht ja keinem auf der Stirn geschrieben. Aber ebenso fallen mir zwei Länder ein, die den IS seit Jahren unterstützen und deren Landsleute kein Durchschnittsdeutscher von Nordafrikanern unterscheiden könnte. Beide sind gute Freunde der offiziellen Bundesrepublik.
Während alle ganz genau zu wissen glauben, was da eigentlich passiert ist und warum (egal ob „Ausländer sind halt so“ oder „Männer sind immer gewalttätig gegen Frauen“), scheint es mir immer undurchsichtiger. Ich argwöhne, dass wir wie beim Kennedy-Mord und dem NSU nie die Wahrheit erfahren werden.

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Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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2 Antworten zu Sprachlicher Stolperstein: nordafrikanische Männer

  1. Ein Leser, der öfter vorbeischaut schreibt:

    herrausragend =) Immer wieder erfrischend Ihren Blog zu lesen. Traurig nur, dass es dir Realität abbildet …

  2. Karsten Seel schreibt:

    Hallo Heidrun,
    bin nach einiger Zeit der Abstinenz wieder mal hier.
    Seit Wochen ringe ich mit mir, ob und v.a. wie ich die „Silvesterereignisse“ kommentieren soll. Dein Artikel widerspiegelt meine Gedanken so treffend, dass ich ihn einfach rebloggen werde …
    Danke!

    Karsten

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